In dieser Folge des Lila Podcasts spricht Özge Sambayli mit den Soziologinnen Encarnación Gutiérrez Rodríguez und Pinar Tuzcu über ihr Buch „Migrantischer Feminismus". Es geht um die Zeit von 1985 bis 2000, die in der offiziellen feministischen Geschichtsschreibung oft als stille Phase dargestellt wird. Die Gesprächspartnerinnen widersprechen dieser Darstellung energisch: Migrantische Frauen hätten sich bundesweit organisiert, eigene Infrastrukturen aufgebaut und intersektionale Perspektiven in die Bewegung getragen. Als selbstverständlich vorausgesetzt wird in der dominanten Erzählung, dass Migrantinnen erst in Deutschland politisiert worden seien und dass die nationale Wellen-Metapher des Feminismus ausreiche, um diese Bewegung zu erfassen. Beide Annahmen werden im Gespräch als unzulänglich zurückgewiesen.

Zentrale Punkte

  • Unsichtbare Machung einer lauten Bewegung Die Zeit von 1985 bis 2000 werde in der feministischen Geschichtsschreibung fälschlicherweise als Atempause dargestellt. Tatsächlich hätten migrantische Frauen eigene Netzwerke und Infrastrukturen aufgebaut, die jedoch nicht als eigenständige Bewegung wahrgenommen worden seien.

  • Transnationale Politisierung vor der Einwanderung Migrantische Frauen seien nicht erst in Deutschland politisiert worden, so das Argument. Viele hätten bereits in ihren Herkunftsländern aus Diktaturen und sozialen Bewegungen politische Erfahrungen mitgebracht und diese mit der Situation in Deutschland verbunden.

  • Kritik der nationalen Wellen-Metapher Das lineare Wellenmodell des Feminismus funktioniere nicht für migrantische Kämpfe, da es national geprägt sei. Migrantische Feministinnen würden darin höchstens als Opfer oder wirtschaftliche Ressource auftauchen, nicht als intellektuelle Akteurinnen.

  • Schmerzhafte Bündnispolitik und aktuelle Relevanz Die Zusammenarbeit mit der weißen Frauenbewegung sei konfliktreich gewesen, etwa beim Kampf um Aufenthaltsrechte. Die Erfahrung rassistischer Gewalt in den 90ern werde heute als Präzedenz für den aktuellen Rechtsruck gedeutet.

Einordnung

Die Episode leistet eine wichtige Korrektur der feministischen Geschichtsschreibung, indem sie migrantische Frauen als intellektuelle Akteurinnen und nicht als passive Betroffene positioniert. Die Gesprächspartnerinnen belegen ihre Argumente mit konkreten historischen Beispielen wie den Interventionen der FeMigra gegen rassistische Gewaltdarstellungen oder den transnationalen Kämpfen koreanischer Frauengruppe. Besonders stärkend ist die Verbindung historischer und aktueller Kämpfe. Wenn Gutiérrez Rodríguez sagt, migrantisch-feministische Organisationen würden „nicht als so eigenständige Bewegung, sondern eher als etwas zusätzliches" erwähnt, zeigt das präzise, wie Ausgrenzung sprachlich funktioniert – nicht durch Absenz, sondern durch Marginalisierung.

Kritisch ist anmerken, dass die Perspektive der kritisierten weißen Frauenbewegung der 80er und 90er Jahre im Gespräch völlig fehlt. Die Darstellung bleibt einseitig, was bei einem Gespräch mit Aktivistinnen jedoch der Form geschuldet ist. Zudem bleiben einige historische Beispiele vage; konkrete Namen und Daten zu den bundesweiten Netzwerken würden der Argumentation mehr Substanz geben. Die Warnung vor einem „Neofaschismus" wird ohne Einordnung verwendet und könnte so als Übernahme eines spezifischen Diskursmusters verstanden werden, das differenzierende Analysen erschwert.

Hörempfehlung: Für alle, die die Blindstellen der feministischen Geschichtsschreibung verstehen und die Aktualität migrantischer Kämpfe erkennen wollen.

Sprecher:innen

  • Özge Sambayli – Moderatorin, Lila Podcast
  • Encarnación Gutiérrez Rodríguez – Professorin für Soziologie, Goethe-Uni Frankfurt, Mitgründerin FeMigra
  • Pinar Tuzcu – Professorin für Soziologie, Queens University Kanada, Autorin