Der anonyme Autor Mike Brock legt in dieser Ausgabe von "Notes From The Circus" eine fundamentale Neubewertung des Krieges im Persischen Golf vor. Seine Kernthese: Der Konflikt wird fälschlich als reiner Schlagabtausch mit dem Iran dargestellt. In Wirklichkeit handele es sich um einen neuen Kalten Krieg, in dem China das iranische Regime als Instrument nutzt, um die USA strategisch auszubluten. Brock untermauert seine provokante Diagnose mit drei ineinandergreifenden Beobachtungen.

Erstens sei die Allianz zwischen Peking und Teheran historisch völlig unnatürlich. China habe über anderthalb Jahrzehnte konsequent eine nukleare Bewaffnung Irans abgelehnt und sich an Sanktionen beteiligt, da eine atomare Aufrüstung am Persischen Golf die eigenen Ölversorgungslinien bedrohe. Die aktuelle, tiefgehende militärische Unterstützung – von satellitengestützten Navigationssystemen bis zu Dual-Use-Technologie für Drohnen – stelle daher einen erklärungsbedürftigen Bruch mit der langjährigen chinesischen Staatsräson dar und sei nicht einfach billigend in Kauf zu nehmen.

Zweitens besitze Peking die wirtschaftliche und diplomatische Macht, den Krieg quasi über Nacht zu beenden. China ist Irans größter Ölkunde und unverzichtbarer Technologielieferant. Ein Anruf von Xi Jinping hätte einen Deal binnen weniger Tage zur Folge. Stattdessen nehme Peking jedoch massive wirtschaftliche Schäden durch die Blockade der Straße von Hormus in Kauf, ohne seinen Hebel zu nutzen. Für Brock ist dieses passive Ertragen der Kosten der entscheidende diagnostische Punkt: Nur ein Kombattant, nicht ein Vermittler, absorbiert solche Schäden, weil die strategische Rendite – die anhaltende Schwächung der USA – den Preis wert sei.

Drittens lehne China den größten Soft-Power-Sieg dieses Jahrhunderts aktiv ab. Brocks Gedankenspiel: Peking könnte durch eine Friedensvermittlung die USA diplomatisch vorführen und sich als globale Ordnungsmacht präsentieren, so wie es 2023 im kleineren Rahmen zwischen Saudi-Arabien und Iran gelang. Dass es diese riesige Chance nicht ergreift, beweise, dass ihm die Fortdauer des Konflikts und die damit verbundene Degradierung Washingtons mehr wert sind als jeder diplomatische Triumph. Die Schlussfolgerung lautet daher: „The substance is the strategic decision to use Iran as the bleeding-edge proxy that distracts and degrades the United States while Beijing avoids direct exposure.”

Einordnung

Brocks Text ist eine brillant konstruierte, jedoch bewusst einseitige Polemik. Er zwingt die Leser:innen, die bequeme Erzählung eines isolierten Iran-Konflikts zu hinterfragen, und leuchtet die ökonomischen sowie strategischen Verstrickungen scharfsinnig aus. Ausgeblendet werden dabei jedoch sämtliche alternativen Erklärungsmuster für Chinas Verhalten, etwa interne Fraktionskämpfe in Peking, lähmende Risikoaversion oder schiere Unfähigkeit, das komplexe Szenario zu steuern. Die zentrale unausgesprochene Annahme ist, dass eine offene Konfrontation und die Einordnung als „Kalter Krieg“ die einzig rationale Reaktion sei, womit der Text letztlich die Agenda jener Kräfte in den USA stärkt, die eine militarisierte Eindämmungspolitik gegenüber China fordern.

Der Newsletter ist daher besonders für jene Leser:innen erhellend, die eine kompromisslose, geopolitisch zugespitzte Perspektive auf den Konflikt suchen und bereit sind, sich auf ein provokantes Gedankenspiel einzulassen. Für eine ausgewogene Lagebeurteilung ist er jedoch bewusst nicht geeignet, da er die Motive der Gegenseite teils pathologisiert und keinen Raum für diplomatische Alternativen lässt.