Tom Strohschneider sammelt und kommentiert in dieser Ausgabe die jüngsten Beiträge zur intellektuellen Debatte um die Begriffe Faschismus und Faschisierung. Ausgangspunkt ist eine Replik von Jan Philipp Reemtsma in der FAZ auf seine Kritiker:innen. Strohschneider fokussiert sich auf zwei in der Debatte weitgehend unbeachtete Kernargumente Reemtsmas. Dieser sehe das Beharren auf der „Faschismus-Frage“ als eine Kompensation emotionaler und intellektueller Unsicherheit angesichts einer neuen, fundamentalen Instabilität. Die Wirklichkeit sei laut Reemtsma „weder überschaubar noch aus ihrer Mitte heraus wirklich analysierbar“. Strohschneider spitzt diesen Gedanken anspruchsvoll zu und konfrontiert ihn mit der planetaren Krise. Er fragt provokant, ob die eigentliche Instabilität nicht in der sich ausbreitenden Ahnung liege, dass dem „demokratischen Kapitalismus“ durch Klimawandel und Naturzerstörung der „stoffliche Boden unter den Füßen wegschmilzt“.
Das zweite, von Strohschneider hervorgehobene Argument betrifft die politische Wirkmacht von Wissenschaft. Reemtsma halte die „Vorstellung, dass diese oder jene soziologische Analyse per se politisch (im Sinne von politisch wirkungsvoll) sei, [für] eine erstaunliche Selbstverkennung“. Strohschneider interpretiert dies als Teil einer tieferen „Kränkung der Vernunft“ in Zeiten, in denen alles Wissen vorhanden sei, die Dinge sich aber dennoch verschlimmern – eine Dimension, die er mit Verweis auf die prekäre Lage der Klimaforschung unterstreicht. Der Newsletter wird im zweiten Teil zu einer breiten Literatur- und Stimmenübersicht. Er präsentiert Positionen, die von einer Verteidigung des Faschisierungsbegriffs als notwendiger Verb-Beschreibung einer Dynamik (Simon Strick) bis hin zu Nationalisierung als präziserem Alternativbegriff reichen. Stephan Lessenich und Sven Reichardt wird mit dem drastischen Zitat Raum gegeben, wir stünden vor „politischen Programmatiken massenhafter Ausgrenzung und systematischer Entrechtung“, bei denen die soziale Akzeptanz von „Verrohung, Dehumanisierung und Gewalt“ das Problem sei.
Daneben steht die Kontroverse zwischen Oliver Nachtwey und Daniel Keil. Nachtwey warnt vor einer Überdehnung des Begriffs, der als bloße „moralische Empörungsvokabel“ linksradikale Distinktionsgewinne bringe, aber mehr verunklare als kläre, wo es lediglich um eine Rechtsverschiebung im System gehe. Keil hält dem ein staatstheoretisches Defizit entgegen und beharrt auf einem längeren Faschisierungsprozess, der bereits die Radikalisierung bürgerlicher Parteien umfasse. Die Materialsammlung wird ergänzt durch Stimmen wie Sabine Nuss, die auf die marxsche Analyse des Kapitals als mystifizierenden Nährboden rechter Ideologie pocht, und Katrin Koeppert, die mit Samir Gandeshas Konzept eines „Posthumanen Faschismus“ die Analyse um KI, Rohstoffgewinnung und die „Obsoleszenz der Menschheit“ erweitert.
Einordnung
Strohschneiders Text überzeugt als klug kuratierte und zugespitzte Momentaufnahme eines linken Theoriediskurses. Seine Stärke liegt in der präzisen Erfassung von Nuancen und dem Aufdecken nicht mitdiskutierter Argumente Reemtsmas. Die essentielle Verschiebung der Perspektive auf die planetare Krise als alles überlagernde Instabilität ist ein intellektuell wertvoller, innovativer Coup, der die Debatte dringend nötig erdet. Allerdings zeigt sich auch die Schwäche des Formats: Der Fokus bleibt strikt auf den akademisch-intellektuellen Zirkel und dessen interne Referenzen (Poulantzas, Marx, Gandesha) beschränkt. Wer diesen Diskurs nicht detailliert verfolgt, hat es schwer, einzusteigen. Die gesellschaftlichen Machtdynamiken, konkrete politische Strategien oder die materielle Erfahrungswelt jener, die nicht im Theoriebetrieb arbeiten, werden ausgeblendet. Der Text läuft so Gefahr, als eine Art linke Selbstvergewisserung zu wirken, die ihren Gegenstand bis zur politischen Handlungsunfähigkeit seziert.
Lesenswert ist dieser Newsletter für ein sehr spezifisches Publikum: politisch und sozialwissenschaftlich versierte Menschen, die tief in die theoretischen Fundamente linker Zeitdiagnose eintauchen wollen und mit einem nüchternen, zuweilen sperrigen Duktus zurechtkommen. Für alle anderen, die nach politischer Orientierung oder einer Analyse mit praktischen Konsequenzen suchen, sei eher eine Lesewarnung ausgesprochen: Hier wird Problemanalyse zum Selbstzweck in einer stark akademisierten Komfortzone.