In einem Gespräch mit Wolfgang Heim erläutert der ehemalige Bundesminister Volker Wissing die Hintergründe seines Austritts aus der FDP und seine Sicht auf politische Verantwortung. Als zentraler Bezugspunkt dient das Ende der Ampelkoalition im November 2024. Wissing beschreibt politische Verantwortung nicht als Option, sondern als zwingende Folge einer Kandidatur. Die Entscheidung, im Amt zu bleiben und dafür die eigene Partei zu verlassen, sei für ihn alternativlos gewesen – sie erscheint hier als Erfüllung einer staatstragenden Pflicht, nicht als persönlicher Ehrgeiz.

Die Analyse des Ampel-Scheiterns wird von Wissing auf ein grundsätzliches Problem zurückgeführt: Eine Koalition könne nicht funktionieren, wenn einer der Partner sich ständig einen Ausstieg vorbehalte. Die erfolgreiche Ampel in Rheinland-Pfalz unter seiner Führung habe dagegen gezeigt, dass ein bedingungsloses Bekenntnis zur Zusammenarbeit und persönliches Vertrauen der entscheidende Unterschied seien. Der libertäre Kurs der FDP, den Wissing als Abkehr von einem gemeinschaftsbezogenen Liberalismus kritisiert, habe der Partei geschadet und mache sie zu einem unzuverlässigen Partner in einer Demokratie, die Stabilität brauche.

Zentrale Punkte

  • Scheitern der Ampel als Einstellungssache Die Berliner Ampel sei nicht an unterschiedlichen Programmen gescheitert, sondern an fehlender Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Wissing behaupte, die FDP habe sich vorsätzlich eine Rückzugsmöglichkeit offengehalten, anstatt sich vorbehaltlos zur Koalition zu bekennen. Diesen ständigen Vorbehalt beschreibt er als verantwortungslos gegenüber Staat und Wähler:innen.
  • Libertarismus als Gefahr für die Demokratie Wissing kritisiere den radikal marktliberalen Kurs seiner ehemaligen Partei scharf. Die Darstellung des Staates als Gegner sei ein „Zerrbild“, das dem freiheitsstiftenden Grundgesetz widerspreche. Er verbinde diese Haltung mit einer Warnung vor politischer „Disruption“ nach US-amerikanischem Vorbild, die auf Zerstörung des Bestehenden statt auf Verbesserung setze.
  • Erfolgsrezept Vertrauen und Empathie Das Funktionieren der Ampel in Rheinland-Pfalz unter seiner Führung führt Wissing auf konsequentes Vertrauensmanagement zurück. Durch klare Bekenntnisse – etwa das Ziel einer Wiederwahl der Koalition – und intensive persönliche Gespräche sei eine Atmosphäre entstanden, die diametrale politische Gegensätze überbrückt habe. Dies habe der Berliner Koalition gefehlt.
  • Kalvinistische Ethik als politischer Kompass Wissing beschreibt eine starke Prägung durch seinen kalvinistischen Vater: Askese, Bescheidenheit und Pflichterfüllung werden als verinnerlichte Werte dargestellt. Diese Haltung – das eigene Ich hinter die Aufgabe zu stellen – habe seine Entscheidung bestimmt, das Ministeramt über die Parteimitgliedschaft zu stellen und nicht aus persönlichem Kalkül zu handeln.

Einordnung

Das Gespräch bietet eine seltene Innenansicht politischer Entscheidungsprozesse, die über die übliche parteitaktische Analyse hinausgeht. Wissing gelingt es, seinen Bruch mit der FDP kohärent aus einer wertorientierten Grundhaltung zu erklären, die durch die biografischen Bezüge zu seiner Familiengeschichte und seiner Tätigkeit als Kirchenmusiker plastisch wird. Die Argumentation gewinnt dadurch an Glaubwürdigkeit, dass er nicht als abrasiver Abrechner auftritt, sondern als jemand, der das Scheitern analysiert, ohne die handelnden Personen direkt anzuklagen. Die Kontrastierung der Berliner Ampel mit der rheinland-pfälzischen liefert zudem eine konkrete, nachvollziehbare Erklärung für den Unterschied zwischen funktionierender und gescheiterter Koalitionsarbeit.

Die Erzählung bleibt jedoch geprägt von einer starken Selbstinszenierung als letztem Verantwortungsträger in einem Umfeld aus taktischen Egoisten. Die politische Realität des Ampel-Endes wird einseitig als Versagen der FDP dargestellt; Fehler der SPD oder der Grünen klammert Wissing aus, ebenso eine selbstkritische Reflexion der Frage, ob die Ampel nicht auch an handfesten inhaltlichen Zielkonflikten zerbrochen sein könnte. Das framing, wonach allein ein Mangel an „Verantwortungsethos” zum Scheitern geführt habe, ist ein wirkmächtiges, aber vereinfachendes Narrativ, das Wissing selbst zum Maßstab erhebt. Besonders bemerkenswert ist die Art, wie er politische Haltungen mit existenziellen Bedrohungen verknüpft, etwa wenn er sagt: "Totalitäre Regime fürchten die Freiheit. Und gleichzeitig ist es so, dass wir angegriffen werden von innen, ähm weil äh wir extremistische Kräfte haben in unserer Gesellschaft, die wachsen und die ganz gezielt genährt werden."

Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, warum die Ampel wirklich scheiterte und wie eine tiefe persönliche Wertorientierung in der Politik zu radikalen Entscheidungen führen kann.

Sprecher:innen

  • Volker Wissing – Ehemaliger FDP-Politiker, Bundesminister bis 2024, jetzt Rechtsanwalt und Autor
  • Wolfgang Heim – Moderator des Podcasts "Heimspiel", im Gespräch mit Volker Wissing