So bin ich eben! Stefanie Stahls Psychologie-Podcast für alle "Normalgestörten": Vererbtes Glück: Wie unsere Herkunft uns prägt (mit Sabine Lück)
Eine einfühlsame und kluge Episode über vererbte Lasten – und das Glück, das wir weitergeben können.
So bin ich eben! Stefanie Stahls Psychologie-Podcast für alle "Normalgestörten"
63 min read3356 min audioStefanie Stahl und Lukas Klaschinski sprechen mit der systemischen Familientherapeutin Sabine Lück über das Thema "Vererbtes Glück". Die Episode richtet den Fokus nicht nur auf traumatische Familienerfahrungen, sondern auch auf die positiven Ressourcen, die über Generationen weitergegeben werden. Es geht um die Frage, wie wir sowohl belastende als auch stärkende Muster erkennen und bewusst weitergeben oder transformieren können.
### 1. Epigenetik und transgenerationale Weitergabe von Erfahrungen
Sabine Lück erklärt, dass Erfahrungen unserer Vorfahren nicht nur über Sozialisation, sondern auch epigenetisch weitergegeben würden. Es gebe Hinweise darauf, dass traumatische oder stärkende Erfahrungen sich in den Genen „abspeichern“ und so das Verhalten und die Gefühlswelt der Nachkommen beeinflussen könnten – auch ohne dass diese die ursprüngliche Erfahrung kennen.
### 2. Der „Treuevertrag“ als unbewusste Loyalität gegenüber den Eltern
Ein zentraler Begriff in der Folge ist der „Treuevertrag“. Danach würden Kinder unbewusst Verhaltensmuster, Glaubenssätze oder sogar Leidensgeschichten der Eltern übernehmen, um diese nicht zu „überrunden“ oder zu enttäuschen. Diese Loyalität könne bis ins Erwachsenenalter fortwirken und etwa Selbst-Sabotage oder wiederkehrende Beziehungsmuster erklären.
### 3. Symptome als Hinweise auf transgenerationale Themen
Lück beschreibt, dass hartnäckige Lebensthemen – etwa wiederholte Beziehungsmuster, berufliche Blockaden oder ein Gefühl, „nicht glücklich sein zu dürfen“ – auf ungelöste transgenerationale Konflikte hindeuten könnten. Diese würden sich oft über mehrere Generationen wiederholen, bis sie bewusst aufgelöst würden.
### 4. Praktische Zugänge zur Aufarbeitung auch ohne vollständige Biografie
Auch wenn Familiengeschichten lückenhaft seien, könne man über Gefühle, Körperreaktionen oder systemische Aufstellungsarbeit Zugang zu transgenerativen Themen finden. Lück betont, dass das „Wissen der Zellen“ auch ohne bewusste Erinnerung zugänglich sei – etwa durch imaginative Übungen, Rituale oder das gemeinsame Erzählen in Familien.
### 5. Kinder als Spiegel und Helfer in der Eltern-Kind-Dynamik
Ein weiterer zentraler Gedanke: Kinder würden nicht nur passiv Muster übernehmen, sondern auch aktiv versuchen, Eltern zu heilen oder zu stabilisieren. Diese Dynamik könne jedoch dazu führen, dass Kinder ihre eigene Entwicklung verlangsamen oder sich selbst verletzen, um die Eltern zu schützen.
### 6. Bewusste Weitergabe von „Glück“ durch Rituale und Kommunikation
Lück gibt konkrete Tipps, wie Eltern bewusst positive Erfahrungen, Kommunikationsfähigkeiten oder emotionale Ressourcen an ihre Kinder weitergeben können – etwa durch feste Gesprächsrituale, Gefühls-Spiele oder das bewusste Erzählen von Familiengeschichten, die Hoffnung und Stärke vermitteln.
## Einordnung
Die Episode bietet einen einfühlsamen, aber auch konzeptuell klaren Zugang zu einem komplexen Thema. Sabine Lück gelingt es, wissenschaftliche Konzepte wie Epigenetik und systemische Familientherapie in eine für Laien verständliche Sprache zu übersetzen – ohne zu vereinfachen oder zu esoterisieren. Die Moderation durch Stahl und Klaschinski ist warm, persönlich und reflektiert. Besonders bemerkenswert ist, wie sehr die Expertin darauf beharrt, dass Eltern nicht „schuld“ seien, sondern Teil eines größeren Systems. Gleichzeitig wird klar: Wer sich der eigenen Geschichte bewusst wird, kann aktiv gestalten, was weitergegeben wird. Die Mischung aus wissenschaftlichem Hintergrund, praktischen Übungen und emotionaler Tiefe macht diese Folge besonders wertvoll für Eltern, Therapeut:innen und alle, die sich für Familiendynamik interessieren. Es gibt keine rechten oder pseudowissenschaftlichen Tendenzen – stattdessen einen respektvollen, ressourcenorientierten Blick auf Generationenverantwortung.