Das Aufstiegsversprechen, das China jungen Menschen jahrzehntelang gemacht hatte, sei gebrochen. In dieser ersten Folge ihres neuen Podcasts „China und wir“ zeichnen die Peking-Korrespondent:innen Lea Sahai und Gregor Scholl das Bild einer Generation, die zwischen Null-Covid-Schock, Immobilienkrise und einem brutalen Arbeitsmarkt resigniert. Die persönliche Erfahrung der Korrespondent:innen mit dem Wandel vor Ort dient dabei als Ausgangspunkt, um die Stimmungslage greifbar zu machen. Die Diskussion bewegt sich entlang der Frage, wie junge Chines:innen auf die Zumutungen eines Systems reagieren, das zwar wirtschaftlich hyperkompetitiv ist, ihnen aber keine Sicherheit mehr bietet. Als selbstverständlich wird dabei die Prämisse gesetzt, dass wirtschaftliches Wachstum das zentrale Ziel des Staates sei und das Ausbleiben von Konsum daher ein politisches Problem darstelle.
Zentrale Punkte
- Gebrochenes Aufstiegsversprechen Das zentrale Lebensversprechen – harte Arbeit führe zu Wohlstand und einem Platz in der Mittelschicht – funktioniere seit Corona nicht mehr. Die Null-Covid-Politik habe das wahre, übergriffige Gesicht des Staates gezeigt, während die Immobilienkrise die Ersparnisse einer ganzen Generation vernichtet habe, sodass selbst ein Hochschulabschluss oft nur in prekäre Beschäftigung münde.
- Die Abwärtsspirale der „Involution“ Es herrsche ein auszehrender Wettbewerb, den die Korrespondent:innen mit dem Konzept der „Involution“ beschreiben: Alle strengten sich immer mehr an, aber niemand verbessere dadurch seine Lage. Viele junge Leute mieteten sogar Fake-Büros an, um gegenüber der Familie einen Job vorzutäuschen, weil der soziale und finanzielle Druck, für die Eltern sorgen zu müssen, immens sei.
- Stiller Rückzug statt Protest Anders als frühere Generationen trage die Gen Z ihre Unzufriedenheit nicht politisch nach außen. Die harte Niederschlagung der spontanen Proteste gegen die Null-Covid-Politik 2022 habe gezeigt, dass Widerstand zwecklos sei und mit aller Härte verfolgt werde. Stattdessen übten sich die jungen Leute in Galgenhumor, zögen sich ins Private zurück oder entschieden sich bewusst gegen Konsum und Karrierezwang.
Einordnung
Der Podcast liefert eine atmosphärisch dichte und kenntnisreiche Reportage aus der Lebenswirklichkeit junger Chines:innen. Die Stärke liegt in der Verbindung persönlicher Langzeitbeobachtungen – Sahais Erlebnisse als Gastschülerin 2007 werden so zur Kontrastfolie für die heutige Resignation – mit einer präzisen Analyse der strukturellen Krisen. Besonders eindrücklich wird die existenzielle Angst greifbar gemacht, etwa in der Schilderung der Fake-Büros, die zeigt, wie tief das Versprechen sozialer Mobilität im familiären Gefüge verankert ist und wie dessen Scheitern individuell aufgefangen werden muss.
Auffällig ist, dass die Perspektive fast ausschließlich auf die junge urbane Bevölkerung gerichtet ist, die mit den Versprechen von Tech-Boom und Internationalität aufgewachsen ist; ländliche Perspektiven bleiben außen vor. Zudem wird das Phänomen der Konsumverweigerung primär aus der Sicht der Wirtschaft und der Regierung als Problem beschrieben – eine Perspektive, die sich in Sätzen spiegelt wie: „Die chinesische Regierung hat glaube ich sehr sehr Angst vor einer jungen Generation, die sagt, ich konsumiere nicht, weil das ja so ein bisschen der Kern [ist]“. Die Einordnung dieser Haltung als bewusster, emanzipatorischer Akt jenseits der wirtschaftlichen Verwertbarkeit kommt dadurch etwas zu kurz.
Hörempfehlung: Ein erhellender Einstieg für alle, die verstehen wollen, warum die Stimmung in China so fundamental gekippt ist – jenseits von abstrakten Wirtschaftsdaten und mit einem klaren Blick für die alltäglichen Auswirkungen der Politik.
Sprecher:innen
- Lea Sahai – China-Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung mit Sitz in Peking
- Gregor Scholl – China-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung mit Sitz in Peking