Falter-Medienexpertin Barbara Tóth stellt im Gespräch mit Raimund Löw ihre Recherche zur Affäre rund um den ehemaligen ORF-Generaldirektor Roland Weißmann vor. Im Mittelpunkt stehen 40 Seiten archivierte Chats sowie Gedächtnisprotokolle und Fotos, die dem Falter zugespielt wurden. Tóth erklärt, warum der Falter die Chats veröffentlicht: Weißmann habe sich in Interviews bei Kronenzeitung und Kurier öffentlich von allen Vorwürfen freigesprochen – die Version der betroffenen Frau sei daher von öffentlichem Interesse, so Tóth.
Zentrale Punkte
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Machtgefälle als entscheidender Kontext Die Chats seien keine private Angelegenheit, weil Weißmann sie als Vorgesetzter an eine Untergebene geschrieben habe – das Machtgefälle mache daraus einen möglichen Fall fürs Gleichbehandlungsgesetz.
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Unaufgefordertes Bildmaterial und anhaltender Druck Weißmann habe der Frau ungefragt Genitalfotos geschickt und sie über Jahre penetrant um Nacktfotos gebeten – ein Verhalten, das Tóth als sexuelle Belästigung nach dem Gleichbehandlungsgesetz einordnet.
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Rücktritt und widersprüchliche Darstellung Weißmanns Weißmann habe sich am 8. März zurückgezogen, bestreite aber jedes Fehlverhalten und spekuliere laut Tóth sogar über eine erneute Kandidatur – eine Argumentation, die Tóth als widersprüchlich beschreibt.
Einordnung
Die Episode leistet solide Recherche-Journalismus: Barbara Tóth legt die Grundlage der Veröffentlichung transparent dar – Zustimmung der Betroffenen, Konfrontation des Beschuldigten, Abwägung der Veröffentlichung. Die rechtliche Einordnung wird klar als ihre persönliche Einschätzung markiert, das letzte Wort dem Gericht überlassen. Dass Tóth die betroffene Frau explizit als Subjekt mit eigener Erklärung und eigenen Motiven darstellt, ist für ein solches Thema nicht selbstverständlich und journalistisch begrüßenswert.
Kritisch fällt auf, dass Raimund Löw die Frage nach dem „Rachebedürfnis" der Frau relativ unkommentiert in den Raum stellt – eine Rahmung, die typisch ist für Fälle, in denen die Glaubwürdigkeit von Betroffenen in Zweifel gezogen wird. Tóth weist sie zwar zurück, aber die Art, wie das Motiv als „Vermutung der Medienbranche" eingeführt wird, normalisiert es etwas. Löws eigene Verbundenheit mit dem ORF, die er offen anspricht, bleibt im weiteren Gespräch analytisch unbearbeitet.
Hörempfehlung: Für alle, die den Hintergrund der Weißmann-Affäre und die journalistischen Überlegungen hinter der Veröffentlichung verstehen wollen, lohnt sich diese Episode.
Sprecher:innen
- Raimund Löw – Moderator, ehemaliger ORF-Korrespondent
- Barbara Tóth – Falter-Medienexpertin, Autorin der Weißmann-Recherche