Die Episode nimmt eine hitzige Feuilleton-Debatte zum Ausgangspunkt: Der Publizist Jan Philipp Reemtsma hatte die Verwendung des Faschismus-Begriffs als bloße „moralische Selbstvergewisserung“ einer besorgten Elite kritisiert. Dagegen verteidigen die Philosoph:innen Robin Celikates und Rahel Jaeggi den Begriff – insbesondere in seiner prozessualen Form als „Faschisierung“ – als dringend notwendiges analytisches Werkzeug. Eine zentrale, nicht weiter ausbuchstabierte Prämisse des Gesprächs ist, dass der liberale Staat zentrale Versprechen auf Autonomie und Aufstieg strukturell blockiere und diese Blockadeerfahrung den Nährboden für eine destruktive Wut bilde.

Zentrale Punkte

  • Faschisierung als Prozess verstehen Der Begriff der Faschisierung erlaube es, rechte Dynamiken als graduelle Entwicklung innerhalb der Gesellschaft zu analysieren, statt sie als abrupten Bruch mit dem Liberalismus zu betrachten. Damit werde die selbstberuhigende Vorstellung vermieden, das Problem ließe sich an den extremen Rand auslagern.
  • Migration als Projektionsfläche Strukturelle Krisen wie Arbeitslosigkeit oder der Abbau von Sozialleistungen würden gezielt auf Migrant:innen projiziert und zur „Erklärung“ der Notlagen verdichtet. Diese Verschiebung von ökonomischen Verwerfungen auf Minderheiten stelle eine zentrale, seit Jahrzehnten wirkende faschistische Funktionsweise dar, die bis in die politische Mitte reiche.

Einordnung

Die Stärke des Gesprächs liegt im nachdrücklichen Insistieren darauf, dass das analytische Reden über Faschismus kein moralisches Glasperlenspiel ist, sondern für konkret gefährdete Gruppen existenzielle Dringlichkeit besitzt. Diese politische Verortung wird wohltuend klar benannt und nicht hinter einer neutralen Wissenschaftsfassade versteckt. Celikates und Jaeggi wehren den Vorwurf der „Lust am Faschismusvorwurf“ schlüssig ab, indem sie die langjährige analytische Zurückhaltung im linken Diskurs und die präzise Arbeit an Begriffen wie der Faschisierung anführen.

Allerdings reproduziert die Diskussion ihrerseits eine recht pauschale Gegenüberstellung: Reemtsmas detaillierte Einwände werden unter dem Befund abgehandelt, er verfolge eine bloße "Metaperspektive", die vom Wesentlichen ablenke. Die irritierende Frage, warum die Destruktionslust nicht nur reale Abstiegserfahrungen, sondern auch eine genuin affirmative Faszination an Gewalt umfasst, wird zwar gestreift, aber stark an die These der gesellschaftlichen Blockade zurückgebunden. Eine genauere Auseinandersetzung mit der Eigendynamik autoritärer Ästhetik und Gewaltfantasien – jenseits ökonomischer Enttäuschung – bleibt hier weitgehend ausgespart. Der im Transkript dokumentierte frühe Hinweis auf einen „muskulären Kapitalismus“ und die Zerstörungslust als verzweifelte Handlungsphantasie ist zentral, wird aber im weiteren Verlauf des ausgewählten Gesprächs nicht mehr an der widerständigen Materialität der Gefühle selbst vertieft. Hörenswert ist die Folge als dichte Momentaufnahme einer intellektuellen Selbstverständigung, die ihre eigenen blinden Flecken – etwa die Fokussierung auf den weißen, männlichen „Abgehängten“ – nur am Rande reflektiert.

Sprecher:innen

  • Rahel Jaeggi – Philosophin, Professorin an der HU Berlin, Center for Social Critique
  • Robin Celikates – Philosoph, Professor an der Freien Universität Berlin