Paul Krugman startet eine Serie zur Gesundheitsreform mit einer ökonomischen Grundlegung. Ausgangspunkt ist der Affordable Care Act (Obamacare), der 2010 verabschiedet wurde und Millionen US‑Bürger:innen erstmals versicherte. Zwar habe das Gesetz die befürchteten Kostenexplosionen nicht ausgelöst und die medizinische Ausgabenentwicklung gebremst, doch bleiben rund 8 Prozent der Bevölkerung unversichert, viele weitere sind unterversichert. Republikanische Politik unter Trump, so Krugman, werde diese Lücken vergrößern. Die USA geben pro Kopf mit Abstand am meisten für Gesundheit aus, ohne eine universelle Abdeckung zu erreichen.

Der Kern des Newsletters ist Kenneth Arrows klassische Analyse von 1963: Gesundheitsmärkte erfüllen nicht die Bedingungen funktionierender Märkte. Asymmetrische Information und die Konzentration hoher Kosten auf wenige Kranke machen private, gewinnorientierte Versicherungen ineffizient. Versicherer müssen entweder sehr hohe Prämien verlangen und riskieren eine „Todesspirale“, oder sie schließen Menschen mit Vorerkrankungen aus. Profitmaximierung führe zu systematischer Leistungsverweigerung – ein Punkt, den Krugman mit dem Fall Luigi Mangione zuspitzt, der aus Wut über abgelehnte Ansprüche einen Versicherungschef getötet haben soll. „The cold logic of profit maximization strikes harder when it involves matters of life or death“, schreibt Krugman und unterstreicht die emotionale Sprengkraft.

Trotzdem gebe es drei bewährte Wege zur universellen Versorgung: ein staatlich finanziertes und betriebenes System nach britischem NHS‑Vorbild (auch die US‑Veteranenversorgung funktioniert so); eine reine Steuerfinanzierung mit privaten Leistungserbringern (Single‑Payer wie in Kanada oder Australien); sowie ein reguliertes privates Versicherungsmodell mit Annahmezwang, Versicherungspflicht und Prämienzuschüssen, wie es die Niederlande, Deutschland oder die Schweiz praktizieren. Alle drei Varianten, betont Krugman, lieferten bessere Ergebnisse zu weit geringeren Kosten als das US‑System. Dass selbst 41 Prozent der Republikaner:innen eine staatliche Verantwortung für die Gesundheitsversorgung bejahen, sieht er als politisches Signal.

Einordnung

Krugmans Text ist eine klar positionierte Werbung für grundlegende Reformen. Als prominenter progressiver Ökonom ruht seine Argumentation auf der impliziten Annahme, dass mehr Staatseingriffe im Gesundheitswesen nicht nur ökonomisch rational, sondern auch politisch realisierbar seien. Die empirische Evidenz für die drei Modellwege ist solide, doch die spezifischen Hürden der USA – Vetopunkte im politischen System, mächtige Lobbygruppen, kulturelle Skepsis gegenüber Staatsausweitung – bleiben unterbelichtet. Die Krise des britischen NHS wird nur gestreift; andere Performanzprobleme der Vergleichssysteme wie Wartezeiten in Kanada fehlen. Zudem setzt Krugmans Optimismus voraus, dass eine Mehrheit der Bürger:innen höhere Steuern für eine umfassende öffentliche Absicherung akzeptiert, was die zitierte Umfrage nur bedingt stützt. Der Text normalisiert keinesfalls rechte Positionen, sondern verficht eine klassisch sozialdemokratische Agenda. Lesenswert ist er für alle, die eine ökonomisch fundierte, zugängliche Einführung in die Logik universeller Gesundheitsversorgung suchen. Wer hingegen eine neutrale Abwägung der politökonomischen Fallstricke erwartet, wird nur begrenzt fündig.