In diesem Gespräch zwischen Costas Lapavitsas und Verena Gradinger, moderiert vom Host von 99 ZU EINS, wird die gegenwärtige geopolitische und wirtschaftliche Ordnung durch die Brille des Imperialismus-Begriffs analysiert. Im Zentrum steht die These, dass Imperialismus nicht verschwunden, sondern in eine neue, schwerer fassbare Form übergegangen sei. Statt territorialer Kontrolle durch Kolonien, so die Argumentation, beruhe die US-amerikanische Vormachtstellung heute auf einer engen Verflechtung globaler Produktion und globaler Finanz, die über den US-Dollar zusammengehalten werde. Die Diskussion setzt dabei stillschweigend voraus, dass die marxistische politische Ökonomie den schlüssigsten Rahmen für diese Analyse bietet und dass wirtschaftliche Faktoren die letztgültige Erklärung für politisches Handeln liefern.
Zentrale Punkte
- Imperialismus ist zurück, aber anders Der Begriff sei nach einer Pause in den 1990ern und 2000ern zurückgekehrt, da eine aggressive Form der US-amerikanischen Dominanz die Weltordnung störe. Dieser "neue Dollar-Imperialismus" unterscheide sich grundlegend vom klassischen Imperialismus der Monopole und Kolonien vor 100 Jahren.
- Der Dollar als unsichtbares Herrschaftsinstrument Die Macht der USA beruhe heute auf dem Status des Dollars als Weltgeld. Da globale Geschäfte, Schulden und Zahlungssysteme auf Dollar laufen, seien andere Länder gezwungen, sich Dollar zu beschaffen, was den USA eine enorme Kontrolle über deren Bilanzen und Handlungsspielräume gebe – ohne dass es Kolonien brauche.
- Der Mythos "Finanz frisst Produktion" Die verbreitete Vorstellung, dass Finanzkapital die produktive Industrie verdränge, sei eine Täuschung, die aus einer nationalen Perspektive entstehe. Aus globaler Sicht ermögliche die Finanzsphäre die Ausbeutung von Arbeiter:innen im Globalen Süden, um die Profite in den kapitalistischen Zentren trotz dortiger Produktionskrisen zu sichern.
Einordnung
Die Stärke dieser Episode liegt in ihrem analytischen Tiefgang. Anstatt bei oberflächlichen Beschreibungen von "Trump-Chaos" oder geopolitischen Spannungen stehenzubleiben, bietet sie ein kohärentes Wirtschaftsmodell an, das die Mechanismen hinter den Schlagzeilen erklären will. Die Unterscheidung zwischen altem, territorialem und neuem, dollar-basiertem Imperialismus ist instruktiv und kann Hörer:innen helfen, aktuelle Konflikte wie Handelskriege oder Sanktionen strukturell zu begreifen. Besonders wertvoll ist der Hinweis, dass die militärische Macht als "letzte Instanz" zwar stets präsent, aber im Alltag unsichtbareren Zwängen gewichen ist.
Allerdings bleibt hier gerade wegen der Geschlossenheit der Analyse vieles außen vor. Die Prämisse, dass sich politische und militärische Aktionen vollständig aus ökonomischen Triebkräften ableiten lassen, wird als selbstverständlich gesetzt. Andere Erklärungsansätze für Konflikte – etwa ideologische Überzeugungen von Akteuren, innenpolitische Dynamiken oder die Eigendynamik von Militärbündnissen – werden nicht einmal als diskussionswürdig erachtet. Die Darstellung gerät dadurch streckenweise zu einem in sich geschlossenen System, das jeden Einwand im Voraus vereinnahmt, wie eine zentrale Aussage von Lapavitsas zeigt: "It's the only coherent way of explaining it." Zudem sprechen hier zwei Ökonom:innen aus dem Globalen Norden über die Ausbeutung des Globalen Südens; die behauptete Ausbeutung wird detailreich theoretisiert, Erfahrungsberichte von Betroffenen oder Analysen von Ökonom:innen aus diesen Regionen werden jedoch nicht einbezogen.
Die Episode lohnt sich für Hörer:innen, die einen dichten, anspruchsvollen Einstieg in marxistische Imperialismustheorien suchen und die aktuellen Weltkonflikte jenseits von Personalfragen verstehen wollen.
Sprecher:innen
- Costas Lapavitsas – Professor für Ökonomie, SOAS London, Autor zu Finanz- und Kapitalismustheorie
- Verena Gradinger – Politische Ökonomin, forscht zu Staatsanleihen in globalen Geld-Hierarchien
- Host – Moderator:in des linken Theorie-Podcasts "99 ZU EINS"