Der Newsletter-Autor, ein Journalist, der selbst Software entwickelt, präsentiert vier Projekte, die zeigen, wie agentische KI-Systeme journalistische Arbeit bereits konkret unterstützen. Sein Fokus liegt auf Werkzeugen, die mehr können als Texte zu kopieren: Sie planen, recherchieren und prüfen. Als roter Faden dient die Frage, ob solche Systeme wirklich „actual work“ leisten. Die Antwort fällt durchweg optimistisch aus.

Den Auftakt macht Mizal, eine Plattform des ehemaligen Hugging-Face-Mitarbeiters Florent Daudens. Auf den ersten Blick ein simpler Chatbot, verarbeitet Mizal etwa Podcasts zu detaillierten Zusammenfassungen, extrahiert verwertbare Zitate, schlägt Follow-up-Fragen vor und listet überprüfbare Behauptungen auf – alles im Hintergrund, ohne dass Nutzer:innen die technischen Details sehen müssen. Der Autor sieht darin einen Vorteil gegenüber generischen Lösungen wie Claude Code, denn die elegante Oberfläche spart wertvolle Zeit.

Deutlich transparenter arbeitet Toothcomb, ein quelloffenes Browser-Tool für Echtzeit-Faktenchecks. Es kombiniert Transkription mit der Fähigkeit, Aussagen zu identifizieren und mithilfe eigener Claude-API-Keys zu verifizieren. Der Autor räumt ein, dass solche Systeme bei widersprüchlichen Quellen an ihre Grenzen stoßen, fügt aber hinzu: „With tools like Toothcomb, there’s really no excuse“ – auch kleine Redaktionen und Content-Produzent:innen könnten sich nun Fact-Checker leisten.

Velora wiederum ist das redaktionelle Betriebssystem hinter einer Radsport-Website. Das Zwei-Personen-Team um Peter Stuart und Danny Bellion hat ein eigenes System gebaut, das Nachrichten entdeckt, SEO-optimiert, Fakten prüft und Artikel vorbereitet. Der Autor betont, dass es sich nicht nur um ein CMS handelt, sondern um einen Automatisierungsgrad, der es einem Mini-Team erlaubt, ein ganzes Themenfeld zu bespielen und dennoch eine eigene redaktionelle Stimme zu entwickeln. Die Macher:innen sprechen von einem „AI operating system“ – eine Richtung, die der Autor für plausibel hält.

Am ambitioniertesten erscheint Mycroft, entwickelt vom Journalisten und Technologen Tom Vaillant. Aufgesetzt auf der Steuerungssoftware Goose und verknüpft mit der Notiz-App Obsidian, baut das Tool mit jedem Prompt eine persönliche Wissensbasis auf. Es erstellt Morgenbriefings, durchforstet Newsletter und betreibt paralleles Web-Scraping. Für Faktenchecks setzt es Agenten ein, die auf Hunderte OSINT-Werkzeuge zugreifen. Der Autor beschreibt die Erfahrung als „Deep Research on steroids“, warnt aber vor der steilen Lernkurve: Anders als Mizal versteckt Mycroft nichts, verlangt dafür Einarbeitung.

Einordnung

Der Newsletter spiegelt eine technikoptimistische Innensicht wider: Vorgestellt werden vor allem Stimmen von Entwickler:innen, die ihre eigenen Projekte vorantreiben. Kritische Perspektiven – etwa zur Zuverlässigkeit automatisierter Faktenchecks, zur möglichen Verdrängung von Journalist:innen oder zur Marktmacht der KI-Unternehmen – fehlen fast völlig. Die unausgesprochene Annahme, mehr Automatisierung bedeute automatisch besseren Journalismus, prägt den Text. Das Fortschrittsnarrativ blendet aus, dass die zugrundeliegenden Modelle intransparent und fehleranfällig bleiben und eine Konzentration auf wenige Anbieter fördern.

Lesenswert ist die Ausgabe für Journalist:innen und Redaktionsleiter:innen, die einen schnellen Überblick über praxisnahe KI-Tools suchen. Wer eine grundsätzliche ethische oder strukturelle Debatte erwartet, sollte ergänzende Quellen heranziehen.