Der Newsletter von iRights.info erzählt die Geschichte des World Wide Web als Lehrstück für offene Software. Am CERN entwickelten Tim Berners-Lee und Robert Cailliau Ende der 1980er/Anfang der 1990er Jahre die grundlegenden Protokolle und Programme. Das Ziel der freien Zugänglichkeit war von Anfang an Teil des Konzepts, doch der Weg zur Public Domain war nicht selbstverständlich. Berners-Lee musste seine Vorgesetzten überzeugen, die Software kostenlos abzugeben, statt sie – wie zwischenzeitlich erwogen – für 100 bis 200 Franken zu verkaufen. Ein nüchterner Blick auf die geringe Nutzer:innenzahl ließ den Verwaltungsaufwand für Gebühren jedoch unwirtschaftlich erscheinen.
Mit der Freigabe im August 1991 und dem Aufruf „Collaborators welcome!“ stellte das CERN die Web-Kernsoftware bereit. Den endgültigen Durchbruch brachte die Entscheidung vom 30. April 1993, auf sämtliche geistigen Eigentumsrechte zu verzichten und den Code als Public Domain freizugeben. Der CERN-Newsletter kommentierte damals, man wolle verhindern, dass Entwickler:innen den Protokollcode neu erfinden und dabei inkompatible Fehler machen. Ursprünglich hatte Berners-Lee eine GNU-Lizenz erwogen, doch die Sorge, große IT-Unternehmen könnten das Web wegen Lizenzrisiken meiden, führte zur maximalen Offenheit.
Zentral wird die Vision des Webs als Raum für Kreativität und Zusammenarbeit herausgestellt. Rückblickend betonte Berners-Lee 2025 im Guardian, seine Vision habe auf „Teilen, nicht auf Ausbeutung“ beruht. Die Botschaft: Nur offene, niedrigschwellige Zugänge ermöglichten, dass Menschen ihr Wissen einbrachten, und das sei ein Modell für künftige Webvisionen. Der Text endet mit einem Spendenaufruf für iRights.info, das selbst offen lizenziert arbeitet.
Einordnung
Der Text stammt von einer Plattform, die sich für Urheberrecht und offene Lizenzen stark macht – entsprechend gerät die historische Darstellung zu einer rein positiven Erzählung von Offenheit als ungetrübtem Erfolgsmodell. Die Perspektive von öffentlich finanzierter Forschung und den Interessen der frühen Web-Pioniere dominiert; kritische Gegenstimmen oder wirtschaftliche Alternativmodelle kommen nicht vor. Unausgesprochen bleibt die Annahme, dass Public Domain quasi automatisch zu mehr Kreativität und einem dezentralen Netz führt.
Ausgeblendet wird, wie gerade die maximal freie Lizenzierung es späteren Tech-Konzernen ermöglichte, auf den offenen Standards mächtige proprietäre Plattformen zu errichten, die das heutige Internet prägen. Die oligopolistische Realität und die Kommerzialisierung des Webs werden nicht problematisiert – stattdessen wird eine idealisierte Gründungsphase als zeitloser Kompass präsentiert. Wer sich für die Internetgeschichte interessiert, findet einen faktenreichen, aber selektiven Blick, der sich als Plädoyer für Open Access und gemeinnützige Arbeit liest. Lesenswert als Einstieg, jedoch ergänzungsbedürftig, wenn es um die Ambivalenzen offener Infrastrukturen geht.