In diesem Gespräch der «Weltwoche Daily» trifft der Moderator die Chefredakteurin von RT, Margarita Simonjan, in Moskau. Die Episode reiht sich in die redaktionelle Linie ein, eine in Europa weithin geächtete Stimme als die angeblich unterdrückte Wahrheit zu präsentieren. Das gesamte Gespräch ist durchzogen von Simonjans zentraler Setzung: Nicht Russland führe einen Angriffskrieg, sondern Europa eskaliere einen Konflikt, in dem Russland lediglich seine bedrohten Landsleute schütze und auf westliche Aggressionen reagiere. Westliche Medienkritik an RT wird als irrelevant zurückgewiesen; der eigene Standpunkt gilt als notorisch verkannt, während jegliche russische Verantwortung für Eskalation als logischer Fehlschluss dargestellt wird.
Zentrale Punkte
- Opfer-Erzählung als Verteidigungslinie Simonjan schildere mehrere ukrainische Attentatsversuche auf sie und stelle dies als Beleg für ein von Europa unterstütztes „terroristisches System" dar. Der Westen schütze dieses, während Russland sich nur verteidige. Die eigene Verfolgung diene als ultimative Rechtfertigung der russischen Position und delegitimiere jede Kritik.
- Umkehr der Eskalationslogik Sie argumentiere, jegliche Eskalation gehe ausschließlich von Europa aus, das die Ukraine mit Waffen beliefere und Angriffe auf Moskau ermögliche. Russland habe hingegen nie etwas gegen Europa unternommen. Sollte der Druck auf die Zivilbevölkerung zu groß werden, sei eine russische Antwort gegen europäische Ziele jedoch unvermeidlich und von Europa provoziert.
- Russlands fundamentale Andersartigkeit Simonjan zeichne das Bild eines Russlands, das kein Interesse an europäischem Territorium habe und stets nur seine Heimat verteidigt habe. Der Rückzug nach den Siegen über Napoleon und Hitler diene als historischer Beleg, dass Russland keine Bedrohung darstelle, sondern in Ruhe gelassen werden wolle. Europa verkenne dies zutiefst.
Einordnung
Das Gespräch bietet einen ungefilterten Einblick in die Argumentationsmuster der russischen Staatsmedien. Die Stärke liegt darin, eine Perspektive erfahrbar zu machen, die in Europa weitgehend unsichtbar ist, und so die innenpolitische Mobilisierung von außen zu illustrieren. Simonjans Selbstinszenierung als verkannte Autorin und gläubige Christin zeigt, wie die Rolle der Journalistin mit einer vermeintlich unpolitischen persönlichen Haltung verwoben wird, um Glaubwürdigkeit zu beanspruchen.
Kritisch bleibt jedoch die Regielosigkeit des Gesprächs. Der Moderator setzt Simonjans Darstellung eines völlig reaktiven und verteidigenden Russlands kaum etwas entgegen. Formulierungen wie das „Befreien" des Donbass oder die Behauptung, Europa wolle Russland „vernichten", bleiben unwidersprochen und werden als gültige Prämissen gesetzt. So wird die offizielle Propagandalogik reproduziert, anstatt sie zu analysieren. Das Beharren auf dem Narrativ, Russland habe die Eskalation nie gewählt, ignoriert den grundlegenden Fakt des Kriegsbeginns durch den großflächigen Einmarsch im Februar 2022 und macht einen Diskurs über die tatsächlichen Kriegsursachen unmöglich.
Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, wie die russische Führung ihren Krieg nach innen und gegen den Westen rechtfertigt, liefert das Gespräch ein aufschlussreiches Dokument – vorausgesetzt, man hört es mit kritischer Distanz und erwartet keine widerstreitenden Positionen.
Sprecher:innen
- Moderator – „Weltwoche Daily", führt das Interview aus Moskau, gibt sich als unabhängig-kritischer Fragesteller.
- Margarita Simonjan – Chefredakteurin des russischen Staatssenders RT (Russia Today), bezeichnet sich auch als Schriftstellerin.