Der anonyme Autor, ein ehemaliger Tech-Manager, entwirft eine monumentale Erzählung: Der von CIA und MI6 orchestrierte Sturz des iranischen Premiers Mossadegh 1953 war kein antikommunistischer Schachzug, sondern ein Akt zur Sicherung von Öl-Interessen. Dieser „Putsch“ sei das Gründungsverbrechen eines bis heute fortbestehenden „Apparats“. In einem zweiten Schritt schildert er den Petrodollar-Deal von 1974 zwischen Henry Kissinger und Saudi-Arabien als direkte Fortsetzung: Die Bindung des Ölhandels an den Dollar habe die US-Vorherrschaft zementiert und jede Regierung seitdem zum Komplizen gemacht.
Der argumentative Sprung ins Heute bildet das Herzstück des Newsletters. Der Autor sieht den Petrodollar im Niedergang und beschreibt einen neuen Anker: die Künstliche Intelligenz. Akribisch listet er Investments aus Saudi-Arabien, den Emiraten und Katar in US-Firmen wie xAI, OpenAI und Anthropic auf. Für ihn sind dies keine gewöhnlichen Geschäfte, sondern der Aufbau eines „Petro-AI“-Systems. „Was die Saudis für drei Milliarden Dollar kauften, ist ein Druckmittel auf den Mann, der wie kein anderer Privatmensch der Erde US-Politik, Information und Satelliten bewegen kann“, analysiert er mit Blick auf Elon Musk. Die Golfstaaten würden sich so in eine „Rentier-Koalition“ mit Tech-Milliardären wie Peter Thiel und Marc Andreessen einkaufen, um die Kontrolle über die nächste Schlüsselressource zu übernehmen – auf Kosten der Demokratie.
In einer langen, fast theologischen Passage versucht der Autor, Ronald Reagan und Margaret Thatcher vor dieser Vereinnahmung zu retten. Die echten Klassik-Liberalen hätten die offene Gesellschaft verteidigt, während die heutige Koalition sie nur als Feigenblatt nutze. Der Text gipfelt in einem dramatischen Appell an die Leser:innen: Sie seien das „Relais“, die entscheidenden Zeug:innen, die diesen seit 1953 andauernden Putsch endlich beenden müssten. Der zentrale Gedanke wird mantraartig wiederholt: „Der Putsch von 1953 endete nie.“
Einordnung
Die brillant geschriebene Polemik entfaltet eine große, verführerische Klammer – vom Öl zum Algorithmus. Doch genau hier liegt ihr argumentatives Problem: Sie reduziert hochkomplexe geopolitische und ökonomische Prozesse auf eine monokausale, deterministische Verschwörungsgeschichte. Der „Apparat“ erscheint als allmächtiger, strategisch handelnder Akteur, dem jede Entscheidungsträger:in der vergangenen 70 Jahre willenlos folgte. Alternative Deutungen für die KI-Investments, etwa rein profitorientierte Diversifikation der Golfstaaten im Zuge der Energiewende, werden komplett ausgeblendet.
Der Text projiziert zudem eine bizarre Reinwaschung auf Reagan und Thatcher, deren neoliberale Politik selbst massive Machtverschiebungen zugunsten großer Konzerne bewirkte. Die quasi-religiöse Sprache („Relais“, „Zeugen“, „Apparat“) dient nicht der nüchternen Analyse, sondern der Erschaffung einer erlösungsbedürftigen Gemeinde. Lesenswert ist der Newsletter für alle, die verstehen wollen, wie ein tiefsitzendes Misstrauen gegenüber Institutionen in ein kohärentes, aber argumentativ totalitäres Weltbild gegossen werden kann. Eine differenzierte Debatte über die Demokratisierung der KI-Infrastruktur sucht man hier vergebens.