Brian Merchant beschreibt die Lage von Künstler:innen im Zeitalter der generativen KI als eine handfeste Krise. Grundlage seiner Analyse ist eine neue Studie der Carnegie Mellon University, für die fast 400 professionelle Kreative befragt wurden. Die Ergebnisse sind alarmierend: 99 Prozent der Befragten lehnen generative KI ab, bei 92 Prozent ist diese Ablehnung stark ausgeprägt. Diese Haltung bleibt kein Lippenbekenntnis, sondern schlägt sich in konkretem Handeln nieder. 85 Prozent der Künstler:innen verzichten demnach vollständig auf KI-Werkzeuge, 88 Prozent weigern sich, damit Bilder zu generieren. Merchant betont, dass jene, die KI dennoch nutzen, sich oft von Auftraggeber:innen oder dem Management dazu gezwungen fühlen.
Die Ursachen für diese massive Ablehnung sind neben ethischen Bedenken – die Modelle wurden ohne Zustimmung mit ihren Werken trainiert – auch rein praktische Mängel. Viele Künstler:innen bemängeln, dass die generierten Ergebnisse schlicht unbrauchbar seien. Hinzu kommt eine tiefe Demoralisierung, denn die Technologie drückt spürbar auf Löhne und Jobchancen. Das zentrale Zitat eines entlassenen Künstlers bringt es auf den Punkt: „They fired me, so it has been a very hard pill to swallow.“ Eine befragte Illustratorin plant sogar, das Feld ganz zu verlassen, da sie ihre Arbeit angesichts des Drucks durch ChatGPT für nicht zukunftsfähig hält. Merchant betont, dass Kreative die KI-generierten Artefakte oft täglich bei der Arbeit sehen, weil Kund:innen und Arbeitgeber:innen sie für Brainstormings oder zur direkten Bearbeitung einreichen. Dieses tägliche Erleben einer Technologie, die das eigene Handwerk abwertet, sei ein Grund für den tiefsitzenden Groll.
Doch die Studie offenbart auch einen Hoffnungsschimmer. In Branchen, die Wert auf Originalität und hohe künstlerische Standards legen, etwa im Verlagswesen, wird KI nicht gefördert, sondern aktiv abgelehnt oder sogar verboten. Ein:e Illustrator:in zitiert: „Being caught with AI art is a death sentence as an illustrator in any serious field. Art Directors will blacklist immediately.“ Diese Spaltung der Branche in KI-Befürworter und -Gegner ist für Merchant der entscheidende Befund. Sie zeige, dass der Siegeszug der KI kein Naturgesetz ist, sondern das Ergebnis von Entscheidungen. Ein Studienautor drückt dies im Newsletter mit den Worten aus: „The split in workplace encouragement emphasizes that GenAI is not inevitable.“ Merchant und die Forscher:innen sehen darin einen politischen Hebel: Wenn Kunstschaffende und ihre Verbündeten klar benennen, dass menschliche Kreativität einen Marktwert hat und rechtlich geschützt werden muss, könnte dies ihre Verhandlungsposition gegenüber Arbeitgeber:innen stärken und zu besseren Regulierungen führen.
Einordnung
Brian Merchant, ein klar links positionierter Journalist und erklärter Technologiekritiker, zeichnet ein eindimensionales und hochgradig parteiisches Bild der Lage. Die Perspektive der Künstler:innen wird durch die zitierte Studie umfassend und einfühlsam dargestellt. Die Stimmen der Technologieentwickler:innen oder von Unternehmen, die durch KI Effizienzgewinne und Demokratisierung der Bildproduktion sehen, werden hingegen vollständig ausgeblendet. Der Newsletter setzt unausgesprochen voraus, dass Technologie in einem kapitalistischen System per se ein Instrument der Disziplinierung und Verdrängung von Arbeitskräften ist. Das Framing ist alarmistisch: Die Situation wird nicht nur als Umbruch, sondern als existenzielle Bedrohung für den gesamten Berufsstand der Künstler:innen beschrieben.
Diese enge ideologische Klammer ist die große argumentative Schwäche des Textes. Differenzierte Fragen, etwa ob KI für repetitive Aufgaben oder in der Ideenfindung auch befreiend wirken könnte, oder ob kleinere Unternehmen ohne Budget für menschliche Illustration profitieren, werden nicht gestellt. Merchants Agenda ist die Stärkung einer antikapitalistischen, technologie-skeptischen Arbeiterbewegung, dessen intellektueller Flügel mit den im Text beworbenen Gruppen exakt abgesteckt wird. Gesellschaftlich relevant bleibt das Thema allemal. Für ein linkes, technologiekritisches Publikum, das eine fundierte und datengestützte Anklageschrift gegen generative KI sucht, ist der Newsletter sehr lesenswert. Wer eine abgewogene, Pro- und Contra-Argumente beleuchtende Analyse erwartet, wird hier nicht fündig und sollte eine Lesewarnung beachten.