Einleitung In dieser Sonderausgabe des Berlin Playbook Podcasts spricht Gastgeber Gordon Repinski mit Florence Gaub, der Leiterin der Forschungsabteilung des NATO Defense College in Rom. Das Gespräch dreht sich um die strategische Lage des westlichen Verteidigungsbündnisses nach dem jüngsten NATO-Gipfel, den Krieg in der Ukraine und mögliche zukünftige Konfliktherde. Gaub beschreibt die NATO dabei nicht als harmonische Einheit, sondern als ein Bündnis, das sich seit seiner Gründung 1949 permanent in einer Krise befinde und dessen Stärke gerade im Aushandeln von Konflikten liege. Das Narrativ einer nie dagewesenen Krise oder einer beispiellosen Stärke des Bündnisses weist sie als rhetorische Übertreibung zurück. Im Kern wird die geopolitische Lage aus einer strategisch-analytischen Perspektive betrachtet, die militärische Konflikte nicht als Ausnahme, sondern als ein wiederkehrendes Phänomen beschreibt, auf das man sich mit kreativer Voraussicht einstellen müsse. Dabei setzt das Gespräch wie selbstverständlich voraus, dass die westliche Allianz und ihre Handlungsfähigkeit das zentrale Ziel der Analyse sind.
Zentrale Punkte
- Russland unter Druck durch ukrainische Schläge Gaub argumentiere, dass die Ukraine den Krieg erfolgreich nach Russland getragen habe – etwa durch Drohnenangriffe. Dies verändere die öffentliche Meinung in Russland subtil, wie steigende Suchanfragen zur Kriegsdauer zeigten. Putin könne daher gezwungen sein, einen instabilen Waffenstillstand zu suchen.
- Nächster Konflikt in Arktis und Weltall Anders als die üblichen Warnungen vor einem Angriff auf das Baltikum oder Polen sieht Gaub die größten Bedrohungen in der Arktis und im All. Russland militarisiere die Arktis massiv, und der Klimawandel eröffne dort neue strategische und wirtschaftliche Fronten, während das All als Konfliktzone unterschätzt werde.
- Iran-Konflikt und die Grenzen militärischer Macht Der Konflikt mit dem Iran habe die militärischen Grenzen der USA und Israels offengelegt. Die Idee, mit Militärschlägen politische Ziele zu erreichen, sei gescheitert. Der Iran führe vor, dass man gegen eine Diktatur mit erzwungener Leidensfähigkeit der Bevölkerung militärisch wenig ausrichten könne.
- Von Polen zu Netzwerken: Das „Age of Influence" Gaub plädiere dafür, sich von einem Denken in Polen (bipolar, multipolar) zu verabschieden. Die Welt sei ein Netzwerk, in dem Einfluss durch vielfältige Verbindungen entstehe – durch Handel, internationale Organisationen oder eine junge, vernetzte Bevölkerung. Reine Militärmacht verliere in diesem Modell an Bedeutung.
Einordnung
Das Gespräch bietet eine präzise und unaufgeregte strategische Analyse, die bewusst gängige Denkmuster durchbricht. Stärke der Episode ist Gaubs Argumentation, westliche Bedrohungsanalysen müssten regelmäßig hinterfragt werden, weil Vorhersagen zu Kriegen fast immer falsch lägen und stattdessen Kreativität und alternative Szenarien („Plan B und C") nötig seien. Sie liefert dafür historische und statistische Belege und zeichnet komplexe geopolitische Dynamiken verständlich nach. Die klare Unterscheidung zwischen einem instabilen Waffenstillstand und einem echten Frieden in der Ukraine sowie der realistische Blick auf die Grenzen militärischer Macht sind wertvolle Einordnungen.
Die Analyse bleibt jedoch einem elitären strategischen Denken verpflichtet, das geopolitische Manöver wie Schachzüge bewertet. Aussagen wie, ein instabiler Frieden sei für Russland „relativ billig in strategischer Hinsicht" und bedeute für die Ukraine eine Wunde, „die die ganze Zeit weiter eitert", verdeutlichen dies. Die konkreten menschlichen Kosten und die Perspektive der betroffenen Bevölkerung werden weitgehend ausgeblendet – sie sind lediglich Gegenstand strategischer Kalkulation. Zudem wird die Ukraine zwar als militärisch „unfassbar empowered" beschrieben, ein Erfolg, der vor allem in seiner strategischen Signalwirkung für Europa und die Golfstaaten bewertet wird. Wirtschaftliche und politische Partikularinteressen innerhalb des Bündnisses oder alternative diplomatische Handlungsoptionen jenseits militärischer Logik werden kaum thematisiert.
Hörempfehlung: Die Episode lohnt sich für Hörer:innen, die eine abwägende und unkonventionelle strategische Perspektive auf aktuelle Konflikte und die Zukunft der NATO suchen.
Sprecher:innen
- Florence Gaub – Leiterin der Forschungsabteilung, NATO Defense College, Rom
- Gordon Repinski – Host des Berlin Playbook Podcasts, POLITICO Executive Editor