Markus Feldenkirchen empfängt zwei Gäste mit gegensätzlichen Haltungen zur Wiederbelebung der Wehrpflicht. Der Theologe und Autor Stephan Anpalagan habe seine Kriegsdienstverweigerung widerrufen und sich als Reservist gemeldet, weil er die freiheitliche Demokratie militärisch verteidigen wolle. Der Politik-Influencer Simon David Dressler halte Deutschland für nicht schützenswert – nicht trotz, sondern wegen seiner politischen Entwicklung: Die ältere Generation habe der jungen Lasten aufgebürdet und Solidarität systematisch abgebaut.
Das Gespräch kreist um zwei unversöhnliche Perspektiven auf das Verhältnis von Staat und Bürger:in. Dressler sehe ein Gemeinwesen, das Solidarität „an jeder Ecke einstampfe", und könne sich nicht vorstellen, für dieses System zu kämpfen. Anpalagan sehe trotz berechtigter Kritik die Verteidigung von Grundrechten und Menschenwürde als zwingend an. Beide setzen implizit voraus, dass Wehrpflicht eine Generationenfrage sei – und dass militärische Verteidigung die angemessene Antwort auf geopolitische Bedrohungen darstelle.
Zentrale Punkte
- Solidarität nur gegen Verteidigung? Dressler argumentiere, dass der Staat jungen Menschen massive Lasten aufgebürdet habe, ohne Solidarität zurückzugeben. Die Wehrpflichtdebatte werde moralisch aufgeladen, während das solidarische „Wir“ nirgends zu sehen sei. Deshalb sei dieses Gemeinwesen für ihn nicht verteidigenswert.
- Verteidigung als Notwendigkeit Anpalagan sehe aufgrund der russischen Bedrohung eine konkrete Gefahr für NATO-Gebiet. Er halte die Verteidigung von Freiheitsrechten, Minderheitenschutz und Menschenwürde für zwingend – und habe deshalb seine Kriegsdienstverweigerung widerrufen.
- Zwang und Doppelmoral Dressler kritisiere, dass vor allem ältere, nicht betroffene Generationen die Wehrpflicht forderten. Anpalagan räume ein, Menschen müssten ihre Meinung ändern dürfen, teile aber die Empörung über Doppelmoral derer, die selbst nie dienen würden.
Einordnung
Die Episode lebt von der klaren Kontrastierung zweier Positionen, die beide mit persönlicher Erfahrung und politischer Überzeugung vorgetragen werden. Dresslers Kritik an der Schieflage zwischen Forderungen an die junge Generation und ausbleibender Solidarität der Älteren ist präzise und verweist auf reale Versäumnisse. Anpalagan argumentiert konsequent und verknüpft sicherheitspolitische Lage mit persönlicher Konsequenz, was Dressler ihm auch als seltene „Ausnahme“ zugesteht. Die Gesprächsführung lässt beide Positionen ausführlich zu Wort kommen und zwingt sie zur konkreten Auseinandersetzung.
Allerdings wird die Diskussion stark auf die Frage verengt, ob Deutschland verteidigt werden solle – ohne zu klären, wie Verteidigung politisch definiert wird. Dresslers Hinweis, dass Aufrüstung nicht nur der Landesverteidigung, sondern auch globaler Interessendurchsetzung diene, wird von Feldenkirchen nicht vertieft, sondern übergangen. Die Begriffe „Verteidigung" und „Krieg" bleiben dadurch unscharf, und die Diskussion verharrt in einem Entweder-oder, das die Vielschichtigkeit sicherheitspolitischer Entscheidungen ausblendet. Dass es um die mögliche Einführung von Zwang für junge Menschen geht, wird moralisch intensiv verhandelt – aber ohne die Perspektive, dass Wehrpflicht je nach Ausgestaltung auch soziale oder zivile Komponenten umfassen könnte.
Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die eine zugespitzte, aber argumentativ gehaltvolle Kontroverse zur Wehrpflicht suchen und erkennen wollen, wo die Bruchlinien zwischen sicherheitspolitischer Notwendigkeit und Generationengerechtigkeit verlaufen.
Sprecher:innen
- Markus Feldenkirchen – SPIEGEL-Autor im Hauptstadtbüro, Gastgeber des Politik-Talks
- Stephan Anpalagan – Theologe, Buchautor, ehemaliger Kriegsdienstverweigerer, jetzt Reservist
- Simon David Dressler – Politik-Influencer, Aktivist gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht