Die Forscherinnen Ricarda Drüeke und Tanja Maier stellen auf der re:publica 26 ihre Fallstudie zum visuellen Aktivismus der „Omas gegen Rechts“ (OgR) vor. Die 2017 in Österreich gegründete Bewegung nutzt Instagram, um ältere Frauen als handlungsfähige politische Akteurinnen sichtbar zu machen und gegen rechte Politik zu mobilisieren. Ihre Analyse des österreichischen Hauptaccounts und von 20 Mitglieder-Interviews identifiziert vier Kernstrategien.

Sichtbarkeit durch Instagram-Trends sei selten und in der Reichweite begrenzt

Die OgR würden Plattform-Trends wie „I am ... and of course“-Reels nur vereinzelt aufgreifen. Die Forscherinnen sehen darin einen möglichen Grund für mangelnde algorithmische Verstärkung. „Es fehlt extrem an Interaktion. [...] es ist keine Strategie da, um das zu selbst zu bedienen und sie antworten auch nicht, wenn mal jemand was schreibt“, so Drüeke. Die niedrige Interaktionsrate beschränke die Sichtbarkeit auf die eigene aktivistische Bubble.

Die physische Präsenz auf der Straße werde als Authentizitätsbeweis inszeniert

Ein zentrales Muster sei die Dokumentation von Protesten. Die Körper der Frauen dienten als „Beleg der Präsenz“, zitiert wird eine Aktivistin: „Das Wichtigste ist für mich, dass ich körperlich präsent bin“. Diese Bilder beanspruchten Zeuginnenschaft und bächen mit dem Stereotyp der passiven, unpolitischen Oma. Gleichzeitig bedeute diese Sichtbarkeit eine „Exponierung gegenüber Angriffen und Hass“, die sich gezielt gegen ihr „Frau sein und Alt sein“ richte, so eine weitere Stimme.

Eine kollektive Identität werde über pinke Mützen und den „Oma-Song“ gestiftet

Die pinken Mützen, angelehnt an die Pussyhats, sowie ein gemeinsamer Song dienten als zentrale, wiedererkennbare Identitätsmarker im digitalen Feed und auf der Straße. Die Forscherinnen betonen die Ambivalenz: Der spielerische Umgang mit dem Oma-Bild erzeuge Gemeinschaft, führe aber auch zu Ausschlüssen. „Wir spielen mit dem Bild der Oma und gleichzeitig treten wir kraftvoll auf der Straße auf“, wird eine Aktivistin zitiert.

Alterstereotype würden durch Überzeichnung subversiv umgedeutet

Die vierte Strategie sei die Schaffung von Gegenbildern. Gegenstände wie Rollatoren und Krücken würden zu Protestsymbolen umfunktioniert und Alter visuell überzeichnet. Dieser „unruly aging“-Ansatz mache Alter zur politischen Ressource und Quelle von Widerstand. Eine Aktivistin sage: „Wir bestehen dafür, dass wir nicht nur strickend oder Kuchen backend zu Hause sitzen, sondern auf die Straße gehen.“

Die Sichtbarkeit einer spezifischen Altersgruppe führe zu neuen Unsichtbarkeiten

Die Forscherinnen räumen selbstkritisch ein, dass durch die OgR eine sehr spezifische Figur des Alterns sichtbar werde: politisch engagiert, weiß, mobil und social-media-affin. Andere Formen des Alters – „migrantisch, queer und trans, häuslich, fragil“ – blieben dagegen unsichtbar. Der visuelle Aktivismus breche dominante Altersbilder auf, stabilisiere aber gleichzeitig eine neue Norm.

Einordnung

Der Vortrag ist ein akademisches Konferenzformat, das in seiner Machart durchweg sachlich und selbstreflexiv bleibt. Die Sprecherinnen präsentieren eine qualitative Fallstudie und machen ihre forschungsmethodischen Limitationen – etwa den Fokus auf einen Account und die fehlenden Daten zur Followerschaft – transparent. Die Argumentation verwebt nahtlos die emanzipatorischen Potenziale des visuellen Aktivismus mit dessen Kehrseiten. Auffällig ist die durchgängige Betonung von Ambivalenz: Sichtbarkeit wird nie als reiner Erfolg, sondern stets im Spannungsfeld von Ermächtigung und Exponierung, Inklusion und Exklusion, aufgebrochenen und neu verfestigten Normen verhandelt. Dies entgeht der Gefahr einer unkritischen Heldenverehrung der Bewegung und verleiht der Analyse Tiefe und Glaubwürdigkeit.

Das dominante Frame ist das einer kontextsensiblen Medien- und Kommunikationswissenschaft. Es fehlt keine offensichtliche Perspektive, da die Forscherinnen selbst die blinden Flecken ihres Gegenstands (migrantische, queere, fragile Altersbilder) und ihrer Methode (westlicher Kontext, fehlende Innensicht in die Account-Daten) benennen. Die unausgesprochene Annahme, dass Sichtbarkeit in digitalen Medien eine zentrale Voraussetzung für politische Teilhabe ist, wird durch den Vortrag selbst reflektiert und problematisiert, nicht als alternativlos gesetzt. Die Machtverhältnisse digitaler Plattformen und deren algorithmische Selektionsmechanismen werden kritisch adressiert, ohne in platten Plattform-Determinismus zu verfallen. Die Antworten in der Fragerunde unterstreichen, dass es sich um ein sehr frühes Forschungsstadium handelt, was die Autorinnen nicht verbergen, sondern offenlegen – eine Stärke des Vortrags, die ihn von meinungsstarken Kurzvorträgen mit politischem Aktivismus-Appell wohltuend abhebt.

Eine Sehempfehlung: Der Vortrag bietet einen kompakten, wissenschaftlich fundierten Einblick in die komplexe Medienpraxis einer demokratischen Protestbewegung und eignet sich für ein Publikum, das sich für den Schnittpunkt von digitaler Kultur, politischem Aktivismus und Gender-/Altersforschung interessiert.