Der Newsletter beginnt mit einer intensiven Betrachtung einer privaten E-Mail, die Steve Jobs 2010, wenige Monate vor seinem Tod, an sich selbst schrieb. Jobs zählt darin auf, was er alles nicht selbst erschaffen hat – Nahrung, Kleidung, Sprache, Mathematik, Gesetze, Technologie – und endet mit dem Bekenntnis: „I love and admire my species, living and dead, and am totally dependent on them for my life and well being.“ Für den anonymen Autor Mike Brock ist dies kein Akt der Bescheidenheit, sondern der Präzision. Es ist die säkulare Version eines Dankgebets, das radikale Eingeständnis, ein Empfangender zu sein, getragen von der gesamten menschlichen Spezies. Er weist zynische, puritanische oder abwertende Lesarten dieses Dokuments entschieden zurück, gerade weil Jobs auch ein Mensch mit schweren Fehlern war.
Diese Lesart wird zur Blaupause für eine fundamentale Kritik an der gegenwärtigen politischen Kultur, die der Autor mit dem Fall von Graham Platner verknüpft. Platner, demokratischer Senatskandidat in Maine, wird für ein Totenkopf-Tattoo, das er sich mit Anfang zwanzig im Suff stechen ließ, und für alte Reddit-Posts öffentlich als „disqualifiziert“ dargestellt. Brock diagnostiziert darin einen zynischen Mechanismus: Die „puritanische“ Forderung, niemals falsch gelegen haben zu dürfen, liefere nur die moralische Deckung für das politische Ziel, einen gefährlichen Konkurrenten der Mächtigen aus dem Weg zu räumen. „The puritan supplies the moral cover. The cynic supplies the political objective,” heißt es prägnant. Es gehe nicht um Moral, sondern um die Verhinderung von Umkehr.
Der Text vertieft diese Analyse zu einer grundsätzlichen Anklage gegen das, was er den „Puritanismus“ nennt. Für den Autor ist dies ein strukturelles System, das Herkunft („inheritance“) über Wandlung („conversion“) stellt und die bestehende Machtverteilung zementiert. Die Radikalität liegt in der These, dass die selbsternannten moralischen Richter:innen keine Autorität besitzen, sondern sie sich durch die öffentliche Verurteilung anderer unverdient aneignen. „The puritan is taking social power they have not earned“, so der Vorwurf. Es sei eine reine Machttransaktion, „moral cosplay as power-grab“, die strukturell dem mittelalterlichen Ablasshandel gleiche. Der „Konvertit“, der Mensch, der sich geirrt und geändert hat, schulde diesen „säkularen Ablasshändlern“ nichts. Er könne sich direkt an die Gemeinschaft wenden.
Sogar Thomas Jefferson wird als Kronzeuge gegen den Puritanismus aufgerufen. Jeffersons Satz, dass Gesetze mit dem menschlichen Geist fortschreiten müssten und man nicht den Mantel der Kindheit tragen könne, liest der Autor als autorisierenden Akt an die Nachwelt, ihn selbst zu übertreffen. Der Puritaner, der nur Jeffersons Sklavenhaltung sieht, verweigere sich dem mühsamen Generationenwerk der moralischen Verbesserung, dem „long handing-forward of the work“. Das Ziel des gesamten „Apparats“ sei es, das Zeugnis der Umkehr („testimony“) aus dem öffentlichen Raum zu verbannen, weil der ehemals Irrende die Sprache derer spricht, die noch im Irrtum stecken, und daher eine Gefahr für die Macht darstellt. Die Aufforderung am Ende ist eindeutig: „Honor the convert. Honor the work. Honor the long record of correction“.
Einordnung
Der Text entfaltet eine brillante und emotional mitreißende Argumentation, deren größte Stärke zugleich ihre Schwäche ist: Er ist eine monolithische Predigt, kein Dialog. Die Analyse des „Puritanismus“ als Machtinstrument ist luzide, doch sie pathologisiert pauschal jede Form von harscher öffentlicher Kritik und verweigert die Differenzierung. Nicht jeder Shitstorm ist ein durchorganisierter Coup der Eliten, und nicht jede Person, die auf Konsequenzen pocht, ist ein machtgieriger Ablasshändler. Der Text klammert die berechtigte Wut von marginalisierten Gruppen, die oft hinter solchen Dynamiken steht, komplett aus und tut sie implizit als unzulässigen Machtanspruch ab. Er richtet sich nicht an sie, sondern spricht über sie.
Das Framing ist zutiefst liberal-individualistisch, ja fast libertär. Moralische Entwicklung wird als einsame Arbeit des Individuums dargestellt, das sich an der gesamten Spezies abarbeitet; strukturelle Ungerechtigkeiten, die diese Arbeit für verschiedene Gruppen ungleich schwer machen, spielen keine Rolle. Die großzügig verzeihende Geste gegenüber Jobs und Jefferson übergeht souverän, dass die von ihnen verletzten Menschen – Jobs’ Tochter, die versklavten Menschen – diesen Prozess der Heilung vielleicht anders bewerten würden. Die Stimme der tatsächlich Geschädigten kommt nicht vor; der Autor setzt sich über sie hinweg, um eine universelle Theorie der Vergebung zu formulieren.
Für Leser:innen, die eine geistreiche, liberale Gegenposition zur oft gnadenlosen Dynamik sozialer Ächtung suchen, ist dieser Newsletter ein tiefgründiges und bestärkendes Manifest. Er bietet eine wertvolle Sprache, um über Vergebung und Wachstum nachzudenken. Wer jedoch eine Analyse sucht, die die Perspektiven der von historischem Unrecht Betroffenen ernst nimmt oder die sozioökonomischen Funktionen von Cancel Culture jenseits von Eliten-Zynismus untersucht, wird den Text als intellektuell brillant, aber emotional eindimensional und in seiner Empathie selektiv empfinden.