Philipp Westermeyer spricht mit Ralph Denk, dem Gründer und Mehrheitseigentümer des Radsportteams Red Bull Bora Hansgrohe. Das Gespräch zeichnet Denks unternehmerischen Werdegang nach: vom ambitionierten, aber erfolglosen Nachwuchsfahrer über den Inhaber eines florierenden Fahrradladens bis zum Manager eines der bekanntesten Rennställe der WorldTour. Im Zentrum steht dabei die Darstellung des Profiradsports als ein durch und durch wirtschaftliches Unterfangen – geprägt von der permanenten Suche nach Sponsoren, der Messbarkeit von Markenpräsenz und dem Wettbewerb mit finanzstarken Konkurrenten wie Ineos oder staatlich alimentierten Teams.
Die Unterhaltung ist durchzogen von der unausgesprochenen Prämisse, dass sportlicher Erfolg sich primär über Budgetgrößen erklärt und dass die Hauptaufgabe eines Teamchefs im Akquirieren von Kapital besteht. Das Doping-Erbe des Radsports wird als überwundenes Imageproblem dargestellt, das man hinter sich lassen müsse, um wieder zahlungskräftige Partner zu gewinnen. Die Beziehung zu Red Bull erscheint weniger als Sponsoring, sondern als strategischer Schulterschluss eines Mittelständlers mit einem global agierenden Sportmarketingkonzern.
Zentrale Punkte
- Sponsorensuche als Kerngeschäft Denk beschreibe das Geschäftsmodell eines Radteams als fundamental abhängig von Sponsorengeldern, da es keine Zuschauereinnahmen oder TV-Rechtsbeteiligungen gebe. Die Akquise von Partnern wie NetApp oder Bora schildere er als Beziehungsarbeit und Kaltakquise, bei der er persönliche Kontakte aus seinem Fahrradladen nutzte und seinen Freundeskreis für Investitionen anfragte.
- Werbewert als zentrale Erfolgsmetrik Der Erfolg des Teams werde, so Denk, anhand von Werbewerttracking gemessen: Agenturen stoppten, wie lange Logos im TV zu sehen seien, und setzten dies ins Verhältnis zu klassischer Werbung. Dabei erreiche der Radsport einen überdurchschnittlichen Return on Investment von bis zu 1:20. Sogar Stürze von Fahrern könnten, weil sie längere Sichtbarkeit der Marke bedeuteten, den Werbewert steigern.
- Red Bull als strategisches Kalkül Den Einstieg von Red Bull als Mehrheitseigentümer stelle Denk als bewusste Entscheidung dar, Macht abzugeben, um konkurrenzfähig zu bleiben. Gegenüber Angeboten aus arabischen Ländern, die sich „nicht gut angefühlt“ hätten, sei Red Bull der kulturell passendere Partner gewesen. Denks Erzählung folge dabei dem Muster des beharrlichen Unternehmers, der über Jahre durch kleine Projekte und persönliche Einladungen Vertrauen aufbaute.
- Sportliche Ungleichheit als Marktlogik Die wachsende finanzielle Kluft zwischen staatlich oder mäzenatisch finanzierten Topteams und dem Mittelfeld thematisiere Denk als Gefahr für die Attraktivität des Sports. Er plädiere für eine Ausgabenobergrenze analog zu US-Profiligen, argumentiere aber nicht aus Fairnessgründen, sondern mit Blick auf das Faninteresse: Ein breites Favoritenfeld schaffe spannendere Rennen und damit ein besseres Produkt.
Einordnung
Das Gespräch liefert einen seltenen Einblick in die ökonomische Innenansicht eines Profiradteams und illustriert detailliert, wie Marketinglogik und Budgetwettbewerb den Sport durchdringen. Gerade die präzisen Schilderungen zur Sponsorensuche, zu Werbewertmodellen und zur Internationalisierung mittels Sportsponsoring machen die Episode für alle interessant, die sich für Sportbusiness jenseits des Fußballs interessieren. Denks Biografie vom inhabergeführten Kleinbetrieb zum von Red Bull kontrollierten WorldTour-Team wird schlüssig als unternehmerische Erfolgsgeschichte erzählt.
Die Darstellung bleibt jedoch fast durchgehend im Modus der Selbstvermarktung. Radsport erscheint als reines Werbeträgergeschäft, strukturelle Probleme wie die Machtkonzentration beim Tour-Veranstalter ASO, die fehlende Mitbestimmung von Fahrer:innen oder die Abhängigkeit von Einzelsponsoren werden nicht vertieft. Die Dopingvergangenheit wird als Imageproblem behandelt, das man „bereinigt“ habe – ohne zu thematisieren, welche strukturellen Bedingungen systematischen Betrug begünstigten. Die These, ein Ausgabendeckel schaffe Spannung, übergeht die Frage, ob sich sportliche Gerechtigkeit allein über Marktmechanismen herstellen lässt. Mitunter verschmelzen Denks eigene Vertriebsinteressen mit der Analyse des Sports: „ähm es ist ein hartes Business Modell, weil wir im Radsport keine Zuschauereinnahmen haben“ – das kennzeichnet den Blickwinkel des gesamten Gesprächs als den eines Verkäufers, der sein Produkt anpreist.
Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, wie Profisport jenseits des Fußballs finanziert wird und wie man einen Rennstall als Unternehmen führt – mit vielen konkreten Zahlen und Anekdoten zur Sponsorenakquise.
Sprecher:innen
- Philipp Westermeyer – Moderator, Gründer und Geschäftsführer von OMR
- Ralph Denk – Gründer und Teamchef von Red Bull Bora Hansgrohe, ehemaliger Radfahrer und Fahrradladenbesitzer