Der Podcast verbindet zwei aktuelle Entwicklungen des Kriegs gegen die Ukraine: die militärische Eskalation durch ukrainische Drohnenangriffe auf Moskau und das diplomatische Ringen in der EU um Kontakte nach Russland. Im ersten Teil schildert der Russland-Korrespondent Friedrich Schmidt seine Eindrücke vom Angriffsort, im zweiten analysiert der EU-Korrespondent Thomas Gutschker den Streit zwischen den großen Mitgliedstaaten und dem EU-Ratspräsidenten. Die Diskussion setzt stillschweigend voraus, dass militärischer Druck und wirtschaftliche Schwächung Russlands die Vorbedingungen für Verhandlungen schaffen müssten. Andere Wege der Deeskalation oder ein direktes Einbeziehen der Ukraine in die Gesprächsvorbereitungen werden nicht thematisiert.
Zentrale Punkte
- Krieg erreicht Moskaus Alltag Der Angriff auf eine Raffinerie nahe dem Kreml zeige, dass selbst die Hauptstadt nicht mehr sicher sei. Schmidt beschreibe eine Mischung aus Sensationslust und Verdrängung in der Bevölkerung – viele fühlten sich dem Geschehen ohnmächtig ausgeliefert und blendeten es aus.
- Putins simulierte Gesprächsbereitschaft Putins Äußerungen über mögliche Verhandlungspartner in Europa seien kein echtes Angebot, sondern psychologische Kriegsführung. Er wolle damit jene Kräfte in der EU stärken, die die Unterstützung für die Ukraine beenden möchten, um letztlich eine Kapitulation zu erreichen.
- Machtkampf um Europas Stimme EU-Ratspräsident Costa habe eigenmächtig Kontakte nach Moskau geknüpft und damit einen Konflikt mit den großen Drei (Deutschland, Frankreich, Großbritannien) ausgelöst. Diese beanspruchten die Verhandlungsführung für sich, während Costa auf seine Rolle als Vertreter aller 27 Mitgliedstaaten verweise.
Einordnung
Die Stärke der Episode liegt in der dichten Verknüpfung von Reportage und diplomatischer Analyse. Friedrich Schmidt schildert seine Beobachtungen vor Ort plastisch und nüchtern, ohne ins Spekulative abzugleiten. Er ordnet die militärischen Schläge ökonomisch ein – etwa mit der Schätzung eines möglichen Rückgangs der Treibstoffproduktion um 28 Prozent – und benennt zugleich die Grenzen solcher Angriffe: Sie erhöhten den Druck, machten Putin aber nicht zu einem ehrlichen Verhandlungspartner. Auch Thomas Gutschker seziert den EU-internen Machtkampf präzise und macht die Interessen der mittelgroßen Staaten sichtbar.
Kritisch fällt auf, dass die ukrainische Perspektive nur indirekt vorkommt – durch die Drohnenangriffe selbst und einen knappen Verweis auf Selenskis Präferenz für die E3-Staaten. Die strategischen Ziele Kiews, seine Vorstellungen von Verhandlungen oder die innenpolitische Debatte dort bleiben unerwähnt. Auch die Frage, ob die Fokussierung auf militärischen Druck und wirtschaftliche Erschöpfung nicht selbst Teil einer Eskalationslogik ist, wird nicht aufgeworfen. Stattdessen erscheint der Ansatz, Russland so lange zu schwächen, bis es verhandlungsbereit ist, als alternativlos. Wie Schmidt diese Haltung Putins beschreibt, bringt eine Kernproblematik auf den Punkt: Er sei »immer bereit über die ukrainische Kapitulation zu verhandeln« – eine Formulierung, die die zynische Instrumentalisierung von Diplomatie durch Moskau prägnant fasst.
Hörempfehlung: Für alle, die über die Schlagzeilen hinaus verstehen wollen, wie der Krieg in Russland ankommt und warum Europas Uneinigkeit Moskau in die Hände spielt – mit kluger Analyse und starker Reportage.
Sprecher:innen
- Felix Hoffmann – Moderator, F.A.Z.-Podcast für Deutschland
- Friedrich Schmidt – Russland-Korrespondent der F.A.Z., berichtet aus Moskau
- Thomas Gutschker – EU- und NATO-Korrespondent der F.A.Z., in Brüssel