Die Kritiker:innen-Runde des „Masque et la Plume" seziert live aus Cannes das Palmarès der 79. Festivalausgabe. Die Diskussion entzündet sich vor allem an den großen Gewinnern: der Goldenen Palme für Christian Mungius „Fjord" und dem Großen Preis für Andrei Zvyagintsevs „Minotaure". Schnell wird klar, dass die Preisvergabe nicht nur eine Frage des Geschmacks ist, sondern dass die Filme grundlegende weltanschauliche Konflikte verhandeln – und die Jury-Entscheidungen selbst als politische Positionsbestimmung gelesen werden können.
Als selbstverständlich gilt in der Runde der Anspruch, dass ein preiswürdiger Film mehr leisten müsse als die exzellente Illustration eines Drehbuchs. Ein „echter" Cannes-Gewinner müsse durch seine filmische Form einen eigenen, dialektischen Ausweg aus den dargestellten Konflikten finden, statt das Publikum mit einem inszenierten Gleichgewicht oder einer übermächtigen Regie-Idee zu entlassen. Genau an diesem Punkt scheiden sich die Geister.
Zentrale Punkte
- Heuchlerische Ambivalenz in „Fjord" Der Goldene-Palme-Gewinner stelle zwei extreme Erziehungssysteme gegenüber, erzeuge aber eine scheinheilige Ambivalenz. Während die norwegischen Sozialdienste als Karikatur einer „woken" Gesellschaft dargestellt würden, baue der Film heimlich Empathie für die streng religiöse, traditionalistische Familie auf und insinuiere deren Unschuld, was eine unterschwellig reaktionäre Haltung offenbare.
- „Notre Salut" als wahre filmische Offenbarung Der französische Beitrag von Emmanuel Mar, der nur den Drehbuchpreis erhielt, sei für mehrere Kritiker:innen der heimliche Höhepunkt. Seine Kunst bestehe darin, keinen festen Figuren-Standpunkt einzunehmen, sondern einen filmischen Blick auf die Kollaboration im Vichy-Frankreich zu konstruieren, der das Damals mit dem Heute kurzschließe, ohne zu entschuldigen oder verurteilend von oben herabzublicken.
- Wenn die Filmlänge zur Last wird Auffallend viele Wettbewerbsbeiträge, darunter die prämierte „L'aventure rêvée" und selbst die Goldene Palme, litten unter exzessiven Laufzeiten. Der Film von Valeska Grisebach verdünne sein interessantes Setting durch eine übermäßig dokumentarische Herangehensweise bis zur Ereignislosigkeit, was bei einigen Kritiker:innen zu „tödlicher Langeweile" geführt habe.
- Zwei Körper, eine Auszeichnung Die doppelt vergebenen Preise für die beste weibliche und männliche Darstellung werden als starkes filmisches Statement interpretiert. Sie würdigten Schauspiel als kollektiven, alchemistischen Prozess zwischen Partnern und nicht als einsame Glanzleistung. Besonders die Chemie zwischen Virginie Efira und Tao Okamoto in „Soudain" wird als essenziell für das Gelingen eines Films beschrieben, der an der Grenze zum Pathos balanciere.
Einordnung
Die Stärke dieser Episode liegt in der Lebendigkeit des Streitgesprächs. Die vier Kritiker:innen vertreten nicht nur Geschmacksurteile, sondern legen ihre ästhetischen und politischen Bewertungskriterien offen. Wenn Jean-Marc Lalanne die Konstruktion von „Fjord" als „wirklich widerwärtige" Karikatur geißelt, während Charlotte Garson den Blick von Léa Seydoux als „absolut erschütternd" beschreibt, wird die subjektive Wucht des Kinoerlebnisses greifbar. Die Diskussion fördert so das zentrale Spannungsfeld eines jeden Festivals zutage: das Bedürfnis nach klarem politischem Statement gegen den Willen zu filmischer Komplexität.
Die Analyse verbleibt jedoch in einem sehr spezifischen, französischen Kritiker-Milieu, das eigene, recht homogene Maßstäbe anlegt. Was als „pachydermisch" oder „programmatisch" abgetan wird, bleibt oft eine Behauptung, die nicht an konkreten Szenen belegt wird. Zudem wird das Label des „Reaktionären", das Lalanne für Mungius Film wählt, von der Runde zwar diskutiert, aber kaum begrifflich geschärft. Die politische Dimension der Filme wird stark auf der Ebene der Moral und des Individuums verhandelt; strukturelle oder ökonomische Fragen des Kinos – etwa die Marktlogik hinter den immer längeren „Eventfilmen" – bleiben ausgeblendet. Bezeichnend ist die Ironie, mit der Charlotte Lipinska ihre Kritik an der Länge vieler Filme auf den Punkt bringt: „Pourquoi 2h20 ? J'en peux plus quoi (...), c'est un peu un problème général, on va y revenir, la durée des films, c'est quand même on achève bien les chevaux ou les critiques, je ne sais pas."
Hörempfehlung: Ein Muss für alle, die das Cannes-Festival 2026 nicht nur als Liste von Gewinnern, sondern als Schlachtfeld ästhetischer Weltanschauungen verstehen wollen.
Sprecher:innen
- Rebecca Manzoni – Moderatorin des "Masque et la Plume" (France Inter)
- Jean-Marc Lalanne – Chefredakteur des Filmmagazins "Les Inrockuptibles"
- Charlotte Garson – Stellv. Chefredakteurin der "Cahiers du cinéma"
- Nicolas Schaller – Journalist für das Nachrichtenmagazin "L'Obs"
- Charlotte Lipinska – Filmkritikerin und Journalistin bei "Télé Matin"