Adrian Goldberg spricht mit dem Historiker und Bestsellerautor James Hawes über dessen neuestes Buch und die zentrale These, dass die „britische" Identität keine gewachsene Selbstverständlichkeit sei. Hawes zeichne sie als ein von König James I. erfundenes, militaristisches Projekt für die Ulster-Plantage im 17. Jahrhundert nach. Die Armee sei dem Staat vorausgegangen, und die Vorstellung von Großbritannien sei von Anfang an ein Instrument gewesen, um Macht zu sichern – oft gegen das eigene Parlament. Im Gespräch wird deutlich, wie sehr diese konstruierte Identität und die ungelösten innerenglischen Konflikte das gesamte politische Geschehen im Inselarchipel bis heute bestimmten und den Fortbestand des Vereinigten Königreichs selbst fraglich machten.

Zentrale Punkte

  • Britische Identität als royale Erfindung Die Vorstellung einer britischen Identität sei von König James I. speziell für die Besiedlung Ulsters erfunden worden. Es habe sich um ein königliches Projekt zur Schaffung einer neuen, von Westminster unabhängigen Machtbasis gehandelt, nicht um eine organische nationale Entwicklung.
  • Das Vereinigte Königreich als innenpolitischer Stellvertreterkrieg Irland sei historisch immer wieder als „Schlachtfeld in Stellvertretung" für Konflikte zwischen dem Norden und dem Süden Englands genutzt worden. Wann immer die englischen Konservativen eine Mehrheit im eigenen Land verloren, sei die Politik in den keltischen Nationen radikalisiert worden, um Macht zurückzugewinnen.
  • Brexit als Aufstand Südenglands gegen das Vereinigte Königreich Der Brexit sei im Kern weniger eine Revolte gegen die EU gewesen als eine Revolte der konservativ geprägten südlichen Engländer:innen gegen das gesamte Vereinigte Königreich. Umfragen zeigten, dass eine Mehrheit der Brexit-Wählenden bereit gewesen sei, den Zerfall der Union und sogar der eigenen Partei in Kauf zu nehmen, um „den Brexit durchzuziehen".

Einordnung

Das Gespräch ist eine dichte und provokative Neuerzählung britischer und irischer Geschichte, die glänzend darin ist, langfristige historische Linien in die Gegenwart zu verlängern. Hawes argumentiert stringent und mit vielen konkreten Beispielen, dass staatliche Identität ein Instrument der Macht ist. Seine Fähigkeit, scheinbar getrennte Ereignisse – von der Ulster-Plantage über den Hungerstreik von 1981 bis zu Theresa Mays Milliardenzahlung an die DUP – in einen einzigen Erklärungsstrang zu verweben, ist eindrucksvoll und erhellend. Die Perspektive, den Brexit nicht nur als europapolitisches, sondern als innerbritisches, ja innerenglisches Problem zu lesen, ist ein genuiner Erkenntnisgewinn.

In dieser großen Erzählung werden jedoch andere Faktoren fast völlig ausgeblendet. Die Rolle sozialer Klassen jenseits der regionalen Spaltung, die Eigendynamik der EU als politischer Akteurin oder die Bedeutung von Migration als Auslöser des Brexit-Votums kommen kaum vor. Die Darstellung, die Konservative Partei und die Interessen „Südenglands" seien wiederkehrend die treibenden Übeltäter, hat eine hohe Plausibilität, wird aber als fast monokausaler Antrieb präsentiert. Andere historische Akteure – etwa die Labour Party in der Nordirland-Politik oder die katholische Kirche in Irland – werden in dieser Rechnung kaum als eigenständige Kräfte sichtbar. Es ist eine brillante, aber hochgradig zentrierte Darstellung.

Hörempfehlung: Unbedingt hörenswert für alle, die die Wurzeln der Krise des Vereinigten Königreichs nicht nur im Brexit, sondern in ungelösten staatlichen und nationalen Identitätsfragen verstehen wollen – eine selten klare und provozierende Einordnung der Gegenwart durch die Brille der Frühen Neuzeit.

Sprecher:innen

  • Adrian Goldberg – Host des Byline Times Podcasts, investigativer Journalist
  • James Hawes – Historiker und Bestsellerautor von „The Shortest History of Ireland"