Die Episode von Luca Pizzato verhandelt die Neuausrichtung der deutschen Erinnerungspolitik am konkreten Fall des Gedenkstättenkonzepts von 2025. Unter Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sei die Aufarbeitung der Kolonialverbrechen, die im Entwurf der Vorgängerregierung noch als dritte Säule des Erinnerns neben Nationalsozialismus und SED-Diktatur vorgesehen war, komplett gestrichen worden. Der Beitrag lässt Historiker:innen, Kurator:innen und Gedenkstättenleiter:innen zu Wort kommen, die dies als erheblichen Rückschritt werten. Die zentrale unausgesprochene Prämisse, die der Beitrag kritisch befragt, sei die Annahme, dass sich Kolonialverbrechen aufgrund fehlender „authentischer Orte" in Deutschland nicht in die bestehende Förderlogik einfügen ließen – ein Argument, das die Expert:innen mit Verweis auf Planungs- und Verwaltungsorte kolonialer Gewalt zurückweisen.

Zentrale Punkte

  • Streichen als Rückschritt Die Streichung des Kolonialismus aus dem Gedenkstättenkonzept des Bundes zeuge von mangelnder Bereitschaft, koloniale Herrschaft als systematisches staatliches Unrecht anzuerkennen; dies sei ein Bruch mit der zivilgesellschaftlich erkämpften Sensibilisierung für Restitution und postkoloniale Erinnerungskultur.
  • Fiktion der fehlenden Tatorte Dem Einwand, die Verbrechensorte lägen in Afrika oder Asien, hielten die Befragten entgegen, dass Planungsorte wie die Wilhelmstraße 92 in Berlin oder Kolonialschulen in Deutschland existierten – und dass Erinnern nicht zwingend an einen „authentischen Ort" gebunden sei.
  • Konkurrenz der Staatsverbrechen Die Episode zeichne nach, dass die Auslagerung auch auf eine Debatte um die „Singularität des Holocaust" zurückgehe; die Mehrheit der Befragten sehe darin jedoch ein Scheinproblem, da die Faulenbach-Formel bereits ein Modell biete, unterschiedliches staatliches Unrecht anzuerkennen, ohne es gleichzusetzen.

Einordnung

Der Beitrag liefert eine dichte und kontextreiche Darstellung der erinnerungspolitischen Debatte. Eine Stärke liegt darin, verschiedenen Generationen und Erfahrungsebenen Raum zu geben: vom postkolonialen Aktivisten über die universitäre Historikerin bis zum etablierten Gedenkstättenleiter. Diese Breite macht sichtbar, dass es sich nicht um einen Nischenkonflikt handelt, sondern um eine Frage mit institutionellen und finanzpolitischen Folgen. Die historische Tiefenschärfe – etwa der Rückgriff auf die Enquetekommission der 1990er Jahre – hilft, die aktuelle Verschiebung als Paradigmenwechsel einzuordnen und nicht als bloße Verwaltungsentscheidung.

Der fast völlige Verzicht auf eine detaillierte Einordnung des politischen Umfelds, in dem diese Entscheidung fiel, bleibt eine Leerstelle. Die kulturkämpferische Aufladung, die den Begriff des „Schuldkults" von rechts in die Debatte einbrachte, wird nicht thematisiert. So bleibt die Analyse auf die Binnenlogik der Erinnerungspolitik beschränkt. Auch inhaltlich bleibt ein Widerspruch unscharf: Ibo Diop wird mit der Forderung zitiert, ein Konzept müsse in einem gemeinsamen Prozess mit den betroffenen Ländern entstehen – gleichzeitig wird beklagt, dass das angekündigte Papier nur einen zentralen Ort in Deutschland behandeln soll. Diese Spannung wird nicht aufgelöst.

Hörempfehlung: Eine klar argumentierte Bestandsaufnahme für alle, die verstehen wollen, warum die Frage nach Orten und Förderstrukturen im Kern eine Frage des staatlichen Selbstverständnisses ist.

Sprecher:innen

  • Luca Pizzato – Autor des Features, Deutschlandfunk
  • Ibo Diop – Kurator und Literaturwissenschaftler, erarbeitete ein koloniales Erinnerungskonzept für Berlin
  • Manuela Bauche – Historikerin an der FU Berlin, forscht zu Kolonialismus und Nationalsozialismus
  • Henning Borggräfe – Leiter des NS-Dokumentationszentrums Köln, Vorstand Gedenkstättenverband
  • Helga Heidemeier – Leiter der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen