Nach der Ablehnung der 10-Millionen-Initiative zieht Christoph Blocher Bilanz. Die Enttäuschung über das Ergebnis sei da, doch er sehe darin auch einen strategischen Vorteil: Die politische Verantwortung liege nun bei den Gegner:innen. Im Gespräch mit Markus Somm und Dominik Feusi entfaltet Blocher seine Sicht auf die grossen Linien schweizerischer Politik – von der Zuwanderung über die Neutralität bis zu den neuen Verträgen mit der EU. Bestimmend ist dabei eine Perspektive, in der Eigenständigkeit der Schweiz und direkte Demokratie als höchste Güter gelten, während wirtschaftliche Verflechtung und internationale Einbindung grundsätzlich als Bedrohung dieser Eigenständigkeit erscheinen.
Zentrale Punkte
- Verantwortung den Gegnern zuschieben Das Scheitern der Initiative sei kein reiner Verlust: Blocher argumentiert, dass nun die Gegner:innen das Migrationsproblem lösen müssten – ein Gewinn an Verantwortung, den ein knapper Erfolg mit folgender Nichtumsetzung nicht gebracht hätte.
- Neutralität durch Sanktionen beschädigt Die Übernahme von EU-Sanktionen gegen Russland habe die Glaubwürdigkeit der Schweizer Neutralität zerstört. Blocher beschreibt den Entscheid als ein Einknicken des Bundesrats unter Druck der USA und der Grossbanken, die ihre Geschäftsinteressen absichern wollten.
- EU-Verträge als Unterwerfung Die neuen Rahmenverträge mit der EU seien ein schleichender Beitritt und schlimmer als der EWR. Die Pflicht, EU-Recht zu übernehmen und Streitigkeiten vor fremden Gerichten auszutragen, bedeute die Aufgabe des politischen Systems – wirtschaftliche Vorteile seien dafür kein ausreichender Ausgleich.
Einordnung
Die Episode bietet eine dichte, aus der persönlichen Erfahrung gesättigte Darstellung einer Position, die in der Schweizer Politik seit Jahrzehnten wirkmächtig ist. Blocher liefert präzise historische Bezüge – etwa zur Völkerbund-Debatte der 1930er-Jahre – und macht die strategischen Abwägungen hinter Initiativen transparent. Besonders aufschlussreich ist seine Unterscheidung zwischen formalem Erfolg und faktischer Umsetzung: Dass eine gewonnene Volksinitiative wirkungslos bleiben kann, wenn die Umsetzung scheitert, zeigt eine selten benannte Schwachstelle der direkten Demokratie.
Die Diskussion bleibt vollständig innerhalb von Blochers Deutungsrahmen. Die EU erscheint darin durchgängig als undemokratisches, bürokratisches Gebilde, das der Schweiz die Selbstbestimmung entziehe. Alternative Lesarten – etwa dass die Schweiz in Normungsgremien mitwirkt oder dass Handelspartner Rechtssicherheit erwarten – werden zwar erwähnt, aber sofort als vorgeschoben oder naiv eingeordnet. Wirtschaftliche Akteure, die internationale Einbindung befürworten, kommen nicht zu Wort. Die Neutralitätsinitiative als taktisches Instrument zu lancieren, selbst wenn sie scheitert, zeigt ein Politikverständnis, das Abstimmungen weniger als Sachentscheide denn als Mittel zur Diskursverschiebung betrachtet.
Hörempfehlung: Lohnend für Hörer:innen, die verstehen wollen, wie ein zentraler Akteur der Schweizer Politik denkt und argumentiert – nicht als neutrale Analyse, sondern als authentische Quelle seiner politischen Strategie.
Sprecher:innen
- Christoph Blocher – Alt-Bundesrat, langjährige Führungsfigur der SVP
- Markus Somm – Journalist, Chefredaktor des Nebelspalters
- Dominik Feusi – Journalist, Moderator bei Nebelspalter