Im Live-Gespräch des Future Histories Podcasts mit Luise Meier geht es um ihren Roman "Hyphen" – eine post-kapitalistische Zukunftsgeschichte ohne spektakulären Kollaps. Meier erzählt, wie ein schrittweiser Stromausfall ab 2025 das Leben zwischen Berlin-Marzahn und Rügen verändert und Menschen zwingt, solidarische Formen des Zusammenlebens zu erproben. Sie positioniert sich bewusst gegen apokalyptische Endzeitnarrative und individualistische Prepper-Logik, stattdessen entwickelt sie eine Poetik des „linken Preppens“: gemeinschaftliches Planen, experimentelles Handeln und kollektives Lernen aus Krisen. Ein zentraler Erzählelement ist ein psychoaktiver Pilz, der als Metapher für ein anderes Natur- und Weltverhältnis fungiert – ohne ihn eindeutig als Ursprung des Wandels zu benennen. Meier plädiert für eine Erweiterung des Technikbegriffs, der neben Maschinen auch Organisationsformen, Kulturtechniken und kybernetische Organismen wie Pilzmyzelien umfasst. Dabei greift sie auf die fast vergessene Figur des russischen Kybernetikers Alexander Bogdanov zurück, dessen Konzept des „Proletkult“ eine egalitäre, selbstorganisierte Wissensproduktion jenseits staatlicher Bürokratie skizzierte. Das Gespräch kreist um die Frage, wie utopisches Denken heute wieder lernfähig und gesellschaftlich wirksam werden kann – durch Theater, experimentelle Räume und eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Sehnsüchten, die in Yoga-Kursen, Mikrodosierung oder Achtsamkeitspraktiken schon heute sichtbar werden.
Kollaps als graduelle Erfahrung
Meier erzähle, dass der gesellschaftliche Wandel in „Hyphen“ nicht durch einen einzelnen katastrophalen Moment ausgelöst werde, sondern durch „eine Abfolge von Momenten“, in denen Menschen lokal begrenzte Krisen bewältigen und dabei neue Praktiken entwickeln. Diese Sichtweise decke sich mit Erfahrungen der Klimakrise, die „nicht überall synchron“ ablaufe.
Technikweitverständnis statt Technikfeindlichkeit
Statt eines simplen Technik-„Ja“ oder „Nein“ frage das Buch, „welche Technik wird wie, durch wen und warum genutzt“. Meier integriere dabei sowohl kybernetische Konzepte wie Stafford Beers Teich-Computer als auch alternative Wissensformen jenseits akademischer Autorität.
Myzel als Organisationsprinzip
Die Hyphen – die Fäden eines Pilzmyzels – stehen für ein Netzwerkdenken, das Individualität auflöst und stattdessen Beziehungen ins Zentrum stellt. Dieses „myzelische Denken“ ermögliche es, Komplexität ohne Kontrollzwang zu durchdringen.
Utopie als Reparatur
Die beschädigte Gegenwart werde nicht ausgelöscht, sondern in die Zukunft hineinrepariert. Meier lehne eine „Tabula Rasa“ ab; stattdessen gehe es darum, „mit den Narben und Beschädigungen“ zu arbeiten, die der Kapitalismus hinterlässt.
Linke Narrative für Sehnsüchte
Wellness- und Achtsamkeitspraktiken interpretiere Meier als Ausdruck eines „unbefriedigt sein mit der Konsumgesellschaft“. Diese Impulse gelte es ernst zu nehmen und in kollektive Transformationsprozesse zu übersetzen, statt sie als „Kinderkrankheit des Kommunismus“ abzutun.
Einordnung
Das Gespräch zwischen Jan Groß und Luise Meier ist ein lebendiges Beispiel dafür, wie Wissenschaftskommunikation und politische Imagination zusammenwirken können. Groß führt nicht einfach durch ein Interview, sondern entwickelt gemeinsam mit seiner Gesprächspartnerin ein Denk-Labor: Er spiegelt, hakt nach, verknüpft Theorie mit Alltagserfahrung. Dabei gelingt es beiden, marxistische Traditionen (Bogdanov, Bloch, Proletkult) mit gegenwärtigen Debatten (Klimakrise, KI, Prepping) zu verbinden – ohne dabei in akademischen Jargon oder Aktivismus-Klischees zu verfallen. Besonders bemerkenswert ist die Offenheit, mit der Meier ihre eigenen Sehnsüchte und Unsicherheiten preisgibt. So entsteht keine geschlossene Utopie, sondern ein offenes Feld kollektiver Lernprozesse. Die Folge zeigt: Zukunftsgestaltung beginnt nicht mit fertigen Antworten, sondern mit dem Mut, unbequeme Fragen in gemeinsamen Experimenten auszuhalten.