Der Politikwissenschaftler Daniel Marwecki lehrt in Hongkong Internationale Beziehungen. Im Gespräch mit Dominik Steffens und Jan Feddersen beschreibt er die westliche Vorherrschaft als abgeschlossene Ära. Deutschland und Europa erlebten einen realen Abstieg: billige russische Energie, militärischer Schutz der USA und gute Geschäfte mit China gehörten der Vergangenheit an. Chinas Aufstieg – 800 Millionen Menschen aus der Armut gehoben – verschiebe die globale Machtbalance unwiderruflich. Die Moderatoren begegnen Marweckis Thesen überwiegend mit Zustimmung und Nachfragen, die den vom Gast gesetzten Deutungsrahmen kaum herausfordern.

Zentrale Punkte

  • Westliche Hegemonie als abgeschlossene Ära Marwecki argumentiere, die US-geführte liberale Ordnung ende durch eigene Widersprüche. Trump sei nur Symptom – die USA hätten ihre Regeln stets gebrochen, wenn es den eigenen Interessen diente. Die Nach-Trump-Illusion einer Rückkehr zur Stabilität lähme Europa.
  • Chinas Aufstieg als industrielle Realität China habe nicht nur 800 Millionen Menschen aus Armut befreit, sondern auch bei grünen Technologien die Führung übernommen. Der Staat habe Solar- und Batterieproduktion skaliert; Europa habe den Anschluss verpasst und müsse nun chinesische Produkte einkaufen – was politisch kaum durchsetzbar sei.
  • Europa im würdevollen Abstieg Deutschland und die EU müssten akzeptieren, nicht mehr Nummer eins zu sein. Marwecki plädiere für ein „Abstiegsmanagement" ohne moralisierende Ansprüche – auch als zweit- oder drittstärkste Macht lasse sich gut leben. Die aktuelle Aufrüstung sei Ausdruck einer orientierungslosen Krisenreaktion.

Einordnung

Die Episode bietet eine differenzierte historische Perspektive auf die Verschiebung globaler Macht. Marwecki kann die Widersprüche der liberalen Ordnung präzise benennen und zeigt, wie viele Länder vom Aufstieg ausgeschlossen blieben – das ist eine wertvolle Erweiterung des oft eurozentrischen Blicks. Die Beispiele zu VW und zur Energiewende machen die Machtverschiebungen konkret, und die Einordnung Trumps als Symptom statt Ursache verhindert kurzschlüssige Personalisierungen.

Die Moderatoren betonen zwar ihren „respektvollen Journalismus", betreiben aber vor allem affirmatives Nachfragen. Dass „Abstieg" primär ökonomisch gemessen wird und „Aufstieg" sich nur an Wirtschaftswachstum bemisst, bleibt unhinterfragt. Wenn Marwecki autoritäre „Entwicklungsstaaten" wie Ruanda als Modell präsentiert oder Hongkong als „komplizierten Teil Chinas" bezeichnet, haken die Gastgeber nicht ein. Auch die Aufforderung, sich „moralisierende Parolen" zu sparen, steht unwidersprochen im Raum – als wäre das Einklagen von Menschenrechten eine überholte westliche Anmaßung. Marwecki sagt, Trump räume auf mit der „Scheinheiligkeit der liberalen Ordnung"; dass dieses „Aufräumen" selbst neue Gewalt legitimieren könnte, wird nicht erörtert.

Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die eine fundierte Einordnung globaler Machtverschiebungen suchen, bietet die Episode anregende Denkanstöße – vorausgesetzt, man begegnet den ökonomisch verengten Prämissen mit kritischer Distanz.

Sprecher:innen

  • Daniel Marwecki – Politikwissenschaftler, lehrt Internationale Beziehungen in Hongkong
  • Dominik Steffens – Co-Host von Based., Journalist
  • Jan Feddersen – Co-Host dieser Episode, Journalist