In der zwölften Folge des Magazins für Kurzdokus werden zwei akustische Arbeiten vorgestellt, die sich mit verschütteten und korrumpierten Erinnerungen auseinandersetzen. Moderiert wird die Sendung von Ingo Kotkamp. Im Zentrum steht die Frage, wie politische und historische Umbrüche individuelle Lebensgeschichten überlagern und wie eine künstlerische Annäherung an diese Brüche möglich ist – insbesondere dann, wenn die dafür nötige Sprache selbst Teil des Konflikts oder verloren gegangen ist. Die erste Kurzdoku beschäftige sich mit der wenig beachteten Hungersnot in der Sowjetunion 1946-47. Die moldauische Künstlerin Madalina Ciocanu und der Autor Norbert Lang hätten Stimmen von Zeitzeug:innen gesammelt und dabei festgestellt, dass sowjetische Propaganda die Erinnerung der Betroffenen nachträglich beeinflusst habe.

Zentrale Punkte

  • Erinnerung als politisch umkämpftes Gebiet Anhand von Zeitzeug:innen-Aussagen werde gezeigt, wie sowjetische Propaganda die persönliche Erinnerung an die Hungersnot 1946-47 überformt habe. Eine Frau, die als Kind überlebte, glaube heute, die lebensrettenden Kühe seien eine Hilfslieferung gewesen.
  • Sprache als Echo des Verlusts Die zweite Doku zeichne nach, wie eine Frau ihre arabische Muttersprache verlernt habe. Die Worte seien ihr nur noch als Klangfragmente zugänglich, was als unaufhörliches Suchen nach einem verlorenen Empfangssignal beschrieben werde.

Einordnung

Diese Sendung liefert keinen politischen Kommentar, sondern lässt künstlerische Übersetzungsprozesse hörbar werden. Die Stärke liegt in der unaufgeregten Art, mit der hier mehrere Ebenen nebeneinander gestellt werden: das direkte Zeugnis, die verfälschende Propaganda und der reflektierende Blick der später geborenen Künstler:innen. Dadurch wird die Macht von Sprache – als Werkzeug der Kontrolle wie als Anker der Zugehörigkeit – sinnlich erfahrbar. Die vom Moderator angesprochene Problematik der „kleinen Sprachen“ und die Ausführungen der Produzentin Anna Maria Pravicenco über das Rumänische als „lateinische Insel in einem slawischen Meer“ veranschaulichen die politische Dimension von Verständigung.

Die Darstellung bleibt bei der persönlichen Überwältigung durch die Staatsmacht stehen; die strukturellen Mechanismen, mit denen Erinnerungspolitik heute fortwirkt, werden nicht weiter analysiert. So wirkt der Hinweis, man werde dem Thema der Sprachgrenzen „bestimmt auch noch in zukünftigen“ Sendungen folgen, fast wie ein Zurückweichen vor der Komplexität. Das im Podcast verwendete Bild, dass ein auf Rumänisch gestellte Frage eine Antwort auf Russisch provoziere – der Aufforderung, die als „humanitäre Sprache“ markiert werde –, zeigt konzentriert, wie Herrschaft in Alltagskommunikation eingeschrieben wird.

Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die sich für akustische Erinnerungsarbeit und die politischen Zwischentöne von Übersetzungen interessieren, bietet diese Folge einen klugen, assoziativ verfahrenden Einstieg.

Sprecher:innen

  • Ingo Kotkamp – Moderator und Redakteur der Dokudrops
  • Anna Maria Pravicenco – Produzentin und Klangkünstlerin bei Semi Silent