Nach dem öffentlichen Zerwürfnis zwischen Bundeskanzler Merz und Donald Trump über die US-Iranpolitik diskutieren vier Gäste aus Deutschland, Polen und Frankreich, wie ernst die neuerlichen Drohungen aus Washington zu nehmen sind. Der Ton ist alarmiert: Die Runde geht wie selbstverständlich davon aus, dass die transatlantische Partnerschaft in einer fundamentalen Krise steckt und Europa sich auf eine Zukunft mit einem unberechenbaren, von persönlichen Motiven getriebenen US-Präsidenten einstellen müsse.

Dabei werden zwei Ebenen miteinander verwoben: die sicherheitspolitische Abhängigkeit Europas von US-Militärkapazitäten und die handelspolitischen Druckmittel, die Trump skrupellos gegeneinander ausspiele. Anders als in früheren Debatten zeigt sich hier ein bemerkenswerter Schulterschluss über Ländergrenzen hinweg – selbst das traditionell atlantizistische Polen wirke verunsichert, während Frankreichs langjährige Forderung nach europäischer Souveränität plötzlich breiter konsensfähig erscheine.

Zentrale Punkte

  • Trumps Rache als Motiv Merz' Äußerungen über eine „Demütigung" der USA durch Iran seien ungeplant gewesen, doch Trump reagiere darauf aus verletzter Eitelkeit – nicht aus strategischer Kalkulation. Der Truppenabzug und die Aussetzung der Tomahawk-Stationierung seien deshalb primär als persönliche Vergeltung zu verstehen, was die Unberechenbarkeit Washingtons unterstreiche.
  • Schutzlücke ohne Tomahawks Der Stopp der geplanten Stationierung von US-Langstreckenraketen in Deutschland wiege schwerer als der Abzug von 5.000 Soldaten, weil damit eine konkrete militärische Lücke gegenüber russischen Iskander-Raketen in Kaliningrad bleibe. Europa könne diese Fähigkeit kurzfristig nicht ersetzen, weshalb ein „Testfall" durch Russland in den kommenden Monaten befürchtet werde.
  • Europas ungleiche Interessen Während Polen auf maximale US-Truppenpräsenz an der Ostflanke setze, dränge Frankreich auf autonome europäische Verteidigungsstrukturen. Diese unterschiedlichen Sicherheitskulturen erschwerten eine gemeinsame Linie. Allerdings zeige sich, dass die osteuropäischen Staaten ihre Position pragmatisch überdächten und deutsche Aufrüstungsanstrengungen zunehmend anerkannten.
  • Handelskrieg mit Spielraum Die EU verfüge über wirksame Gegenmittel wie gezielte Zölle auf Produkte aus republikanischen Wahlkreisen oder Regulierungshebel gegen US-Tech-Konzerne. Trump pokere jedoch selbst auf Zeit, da seine exekutiven Zollkompetenzen begrenzt seien und die US-Landwirtschaft unter den Folgen seiner Politik leide. Entscheidend sei eine strategische Koordination der europäischen Antwort.

Einordnung

Die Stärke dieser Phoenix Runde liegt in der gelungenen Zusammensetzung: Mit Stimmen aus Deutschland, Polen, Frankreich und einer deutsch-amerikanischen Expertin werden unterschiedliche sicherheitspolitische Traditionen und Bedrohungswahrnehmungen abgebildet. Die Diskussion zeigt die inneren Spannungen Europas ebenso wie die zunehmende Einigkeit, dass man sich auf Trump nicht mehr verlassen könne. Besonders aufschlussreich ist die differenzierte Analyse der US-Binnenwirtschaft und der dortigen Schwachstellen, die ein zu einfaches Bild allmächtiger US-Drohkulissen korrigiert.

Allerdings bewegt sich die gesamte Debatte innerhalb eines Rahmens, der Militärausrüstung und wirtschaftliche Druckmittel als einzig denkbare Antworten präsentiert. Begriffe wie „Schutzlücke" oder „Testfall" werden nicht hinterfragt, sondern als gegebene Größen behandelt – ebenso die Annahme, dass höhere Verteidigungsausgaben per se eine angemessene Reaktion seien. Trump wird durchgängig als irrational und rachsüchtig charakterisiert, womit politische Entscheidungen in den Bereich persönlicher Psychologie verschoben werden. Dass darin auch eine Entlastung liegen kann – schließlich trägt dann nicht die US-Administration als Ganzes, sondern nur „der Mann im Weißen Haus" die Verantwortung – wird nicht thematisiert. Ein prägnantes Beispiel für die personalisierende Rahmung liefert Klüver-Eschbrock: „Das Schlimmste, und das hätten wir spätestens schon in der ersten Amtszeit Trump lernen müssen, wenn er vorgeführt wird. Das ist für ihn das Allerschlimmste, wenn er quasi in seiner Ehre verletzt wird."

Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, wie unterschiedlich europäische Länder auf Trumps Drohungen blicken und welche wirtschafts- wie sicherheitspolitischen Hebel die EU tatsächlich besitzt.

Sprecher:innen

  • Katrin Klüver-Eschbrock – Deutsch-amerikanische Politikwissenschaftlerin, Bertelsmann Stiftung
  • Rosalia Romaniec – Leiterin der Abteilung Deutsche Politik, Deutsche Welle (aus Polen)
  • Pascal Thibaut – Deutschlandkorrespondent, Radio France Internationale
  • Daniel Brössler – Leitender Redakteur im Parlamentsbüro der Süddeutschen Zeitung