Der F.A.Z.-Podcast widmet sich dem Stand der Digitalisierung in Deutschland – und setzt dabei eine bemerkenswerte Prämisse: Die Technik sei längst da, sogar „bombensicher", nur die Bürger:innen hätten es noch nicht begriffen. Die Berliner Korrespondentin Corinna Budras besucht die CDU-Bundestagsabgeordnete Franziska Hoppermann und spricht mit der Digitalexpertin Ankatrin Riedel. Die zentrale Botschaft: Der Staat könne schon viel, aber die Nutzer:innen „verpennen" die Digitalisierung. Nicht strukturelle Hürden oder mangelnde politische Priorisierung erscheinen als Hauptproblem, sondern fehlende Bekanntheit und eine diffuse Datenschutz-Skepsis, die es zu „überwinden" gelte. Als Vorbild wird Indien genannt – ohne kritische Einordnung, dass dort ein Privatunternehmen die digitale Identität für 1,4 Milliarden Menschen verwaltet.

Zentrale Punkte

  • Die Technik ist da, die Nutzung fehlt Die Online-Funktion des Personalausweises existiere seit fast 20 Jahren, sei technologisch führend und könne bereits für Organspende-Registrierung, Punkteabfrage oder Umzugsmeldung genutzt werden. 80 Prozent der Bürger:innen nutzten sie dennoch nicht oder kennten sie gar nicht, was Riedel auf mangelnde Werbung der Verwaltung zurückführt.
  • Die digitale Brieftasche als Gamechanger Ab Januar 2026 solle eine staatliche Wallet für das Smartphone alle digitalen Nachweise bündeln. Hoppermann beschreibt den dahinterstehenden „Deutschland Stack" als Lego-Baukasten, der Anträge wie Elterngeld vollständig digital ermöglichen soll. Die PIN-Problematik solle einfacher gelöst werden – Details stünden noch aus.
  • Auszahlungen funktionieren, Politik nutzt Digitalisierung als Ausrede Riedel widerspricht der Darstellung, Deutschland könne kein Geld direkt auszahlen: Die Energiepauschale für Studierende sei binnen acht Wochen umgesetzt worden. Wenn politisch gewollt, funktioniere die Technik. Fehlende Digitalisierung werde oft vorgeschoben, um Maßnahmen nicht umsetzen zu müssen.

Einordnung

Die Episode funktioniert als pragmatische Lebenshilfe für alle, die den digitalen Personalausweis endlich nutzen wollen – mit konkreten Schritt-für-Schritt-Erklärungen und praktischen Anwendungsbeispielen. Riedel liefert eine fundierte Einordnung, die den technischen Stand realistisch abbildet und mit dem Vorurteil aufräumt, Deutschland könne keine digitalen Auszahlungen. Die Gesprächsatmosphäre ist konstruktiv, das Framing bewusst optimistisch: Statt auf Defizite zu fokussieren, wird herausgestellt, was bereits funktioniert.

Kritisch bleibt, dass strukturelle Probleme konsequent individualisiert werden. Dass 80 Prozent die Online-Funktion nicht nutzen, erscheint als Versäumnis der Bürger:innen, nicht als Ergebnis einer jahrelangen, nutzerunfreundlichen Umsetzung – etwa der Notwendigkeit eines persönlichen Amtsbesuchs für die PIN-Rücksetzung. Das indische Beispiel, wo ein privates Unternehmen das Identitätsmanagement betreibt, wird von Hoppermann ohne Datenschutz-Reflexion als Vorbild präsentiert: „Da wird diese Frage gar nicht gestellt." Datenschutz-Skepsis in Deutschland rahmt sie als bloßes historisches Erbe, das „überwunden" werden müsse. Die fehlende Perspektive von Menschen ohne Smartphone oder mit eingeschränkter digitaler Kompetenz bleibt eine Leerstelle in der Fortschrittserzählung.

Hörempfehlung: Für alle, die den digitalen Personalausweis endlich einrichten wollen, bietet die Episode eine zugängliche und motivierende Einführung in einen Bereich, der von der Verwaltung kaum vermittelt wird.

Sprecher:innen

  • Corinna Budras – Wirtschaftskorrespondentin der F.A.Z. in Berlin, Host dieser Episode
  • Franziska Hoppermann – CDU-Bundestagsabgeordnete, Bundesschatzmeisterin, Mitglied im Digitalausschuss
  • Ankatrin Riedel – Geschäftsführerin des Netzwerks Next für den digitalen Staat