Im Gespräch entfaltet Oliver Winter den Werdegang von A&O Hostels. Der Fokus liegt auf der betriebswirtschaftlichen Logik, dem Wachstum und der Nische des Budget-Tourismus. Wirtschaftlicher Erfolg wird als Ergebnis von unternehmerischem Geschick, der richtigen Kostenstruktur, Volumen und dem Erschliessen günstiger Immobilien in Bestlagen dargestellt. Als selbstverständlich gesetzt erscheint, dass preissensitives Reisen eine fast unbegrenzt bedienbare Nachfrage erzeuge und die Umwandlung von Büro- oder Fabrikgebäuden in Hostels per se ein fortschrittliches Modell sei.

Zentrale Punkte

  • Zufall als Geschäftsmodell Die Gründung sei massgeblich durch eine zufällige Begegnung mit einem vermögenden Immobilienunternehmer ermöglicht worden, den Winter bei der Anmietung einer Getränkemarktfläche kennenlernte. Dessen Kapital und Bau-Know-how hätten das Wachstum in den ersten zehn Jahren allein gestemmt, während Banken das Konzept nicht verstanden hätten.
  • Kalkulation durch Volumen und Umbau Günstige Preise seien nur durch grosse Einheiten (mindestens 800 Betten) und die Umnutzung alter Bestandsimmobilien möglich, die man weit unter Marktpreisen entwickle. Winter grenze sich von Standard-Hotels ab, die teure Neubauten bestellen könnten, und setze auf „Tetris spielen" in verwinkelten Altbauten, um Betten zu maximieren.
  • Schulklassen statt Backpacker Entgegen des ursprünglichen Images sei das Geschäft zu 50 Prozent von Bildungsreisen abhängig. Schulklassen und andere Gruppen sorgten für die nötige Auslastung ausserhalb der Sommersaison, während klassische Backpacker nur saisonal buchten und man „Betten verteilt" habe, um im Januar nicht leer zu stehen.

Einordnung

Das Gespräch liefert einen transparenten Einblick in die Ökonomie einer Branche, die oft romantisierter wahrgenommen wird. Die klare Darstellung der Margen und die offene Kommunikation über die Dominanz von Gruppenreisen brechen mit dem Mythos des alternativen Reiseformats. Es wird deutlich, wie stark das Geschäft von der Fähigkeit abhängt, unkonventionelle Immobiliendeals zu finden und architektonische Hürden zu meistern.

Allerdings verbleibt die Diskussion fast vollständig in einer betriebswirtschaftlichen Perspektive. Was fehlt, ist eine kritische Reflexion darüber, ob die enorme Volumenstrategie nicht den Charakter von Städten verändert und die Verdrängung von Wohnraum oder anderem Gewerbe befeuert. Dass für ein einziges Haus bis zu 40 Millionen Euro mobilisiert werden müssen, zeigt, wie sehr das Modell auf grossem Kapital und der Logik ständigen Wachstums basiert. Die Frage, ob ein städtischer Kipppunkt erreicht ist, wenn mehrere tausend Betten an einem Ort wie dem Checkpoint Charlie entstehen, wird nicht gestellt. Auch die Rolle des Massentourismus bleibt unhinterfragt, er wird schlicht als gegebene Nachfrage betrachtet. “Also wir wir sind ein ganz preissensitives [Geschäft]”. Dieser Satz steht paradigmatisch für die Prämisse, dass maximale Kostensenkung der oberste Zweck des Reisens sei.

Hörempfehlung: Hörenswert für alle, die verstehen wollen, wie sich in einer vermeintlich romantischen Nische ein knallhartes Immobiliengeschäft verbirgt – und wie viel Zufall über unternehmerischen Erfolg mitentscheidet.

Sprecher:innen

  • Philipp Westermeyer – Host des OMR Podcasts und Gründer der OMR-Konferenz.
  • Oliver Winter – Gründer und CEO der A&O Hostels, Europas grösster Hostel-Kette.