In dieser Archiv-Episode von The Take, ursprünglich von 2022, geht Host Hella Mahieddin der Frage nach, warum die argentinische Fußballnationalmannschaft und insbesondere Lionel Messi in Teilen Indiens und Bangladeschs eine so leidenschaftliche Anhängerschaft haben. Die Episode stellt persönliche Geschichten von Fans in den Vordergrund, die ihre Hingabe schildern – von Fahnen am Balkon bis zu spontanen Motorrad-Korsos um drei Uhr morgens. Es wird die These aufgebaut, dass diese Fankultur tief in einem kulturellen Selbstverständnis und einer geteilten postkolonialen Erfahrung verwurzelt sei. Als selbstverständlich wird gesetzt, dass die Begeisterung für eine Nationalmannschaft, die nicht die eigene ist, ein erklärungsbedürftiges Phänomen sei – und dass sich diese Erklärung in einer gemeinsamen romantischen Haltung gegenüber dem „schönen Spiel“ und einer politisch grundierten Ablehnung des Westens finden lasse.
Zentrale Punkte
- Fandom als vererbtes Erbe Die Unterstützung für Argentinien werde in Familien weitergegeben. Somdutta Bhattacharyya aus Kolkata sei über seinen Vater mit Maradona sozialisiert worden, den dieser wie einen Gott verehrt habe. Die Liebe zu einem Spieler und einem Team sei nicht verhandelbar, fast schicksalhaft.
- Romantik und postkolonialeIdentifikation Im fussballbegeisterten Westbengalen identifiziere man sich mit dem als künstlerisch empfundenen Stil südamerikanischer Teams, der sich vom taktischen Europa abhebe. Zudem verbinde man sich mit Argentinien und Brasilien als Schwellenländer, deren Spieler einen Weg aus der Armut gefunden und Europa besiegt hätten – eine besondere Genugtuung nach der eigenen Kolonialgeschichte.
- Anerkennung durch die Verehrten Die Fan-Leidenschaft, festgehalten in viralen Videos aus Dhaka, errege in Argentinien selbst Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Diese gegenseitige Wahrnehmung, inklusive Gesten argentinischer Fans gegenüber Bangladesch, werde als Bestätigung erlebt und als Beleg dafür angeführt, dass Sport tatsächlich über Kontinente hinweg verbinden könne.
Einordnung
Die Episode besticht durch den direkten Blickwinkel: Anstatt von außen über das Phänomen zu berichten, lässt sie mit Somdutta Bhattacharyya und Tamjidul Hoque zwei Fans ausführlich zu Wort kommen. Deren Schilderungen sind lebendig und decken eine große Bandbreite ab – von persönlichen Anekdoten über soziologische Deutungsversuche bis hin zu einer globalen Verbundenheit. Die für die Einordnung wichtige Stimme der argentinisch-amerikanischen Journalistin Jasmine Garsd wird hinzugezogen, was die Perspektive weitet und der Darstellung Tiefe verleiht. Es gelingt, die Begeisterung nicht exotisch wirken zu lassen, sondern sie aus der Lebensrealität der Fans heraus zu erklären.
Auffällig ist, wie unkritisch die Bindung an das Konstrukt der Nation – sei es Argentinien, Indien oder Bangladesch – bleibt. Die Fans werden als Sprachrohr für eine von der Moderatorin angestrebte Erzählung der geteilten postkolonialen Identität genutzt, ohne dass diese Verknüpfung oder die romantische Zeichnung von Identität durch Fußball hinterfragt würde. Die fehlende eigene fußballerische Weltklasse in Südasien wird zwar kurz und systemkritisch erwähnt, aber nicht vertieft. So bleibt die Episode eine anrührende Momentaufnahme von Leidenschaft, deren zugrundeliegende politische und ökonomische Rahmung sie jedoch eher bestätigt als analysiert.
Hörempfehlung: Ein lohnenswerter Einblick für alle, die verstehen wollen, wie globale Popkultur lokal angeeignet wird – und was jenseits von Vereinswappen und Ligen-Logos passiert.
Sprecher:innen
- Hella Mahieddin – Host von The Take (in dieser Archiv-Episode)
- Somdutta Bhattacharyya – Argentinien-Superfan aus dem indischen Kolkata
- Tamjidul Hoque – Jurastudent und Argentinien-Fan aus Bangladesch
- Jasmine Garsd – argentinisch-amerikanische Journalistin, Host von “The Last Cup”