René Martens seziert in seiner Kolumne scharf drei aktuelle Fälle, in denen öffentlich-rechtliche Qualitätsmedien seiner Ansicht nach journalistische Grundsätze verraten. Den Aufschlag macht SWR-Intendant Kai Gniffke, der in einem Interview die wirklichkeitswidrige Behauptung aufstellt, "die Perspektive aus der Wirtschaft" sei in Qualitätsmedien unterrepräsentiert. Er forderte eine Abkehr von der "Dramastruktur" David gegen Goliath. Martens hält dagegen, dass damit "die 'vermeintlich Schwachen', also zum Beispiel Menschen, die in Armut leben", noch weiter an den Rand gedrängt würden. Der Intendant zeige ein "Herz für Goliaths".
Noch drastischer ist der zweite Fall: In der 20-Uhr-"Tagesschau" kam ein Teilnehmer einer Kundgebung des britischen Rechtsextremisten Tommy Robinson zu Wort, der unkommentiert äußerte, der Premierminister Keir Starmer "verdient es, gehängt zu werden". Die Korrespondentin ordnete diese Lynchfantasie nicht ein. Martens’ Fassungslosigkeit über diese "journalismusethische Grenzüberschreitung" gipfelt in der Frage, was los wäre, wenn in der Tagesschau jemand unwidersprochen fordern dürfte, Friedrich Merz müsse "gehängt werden".
Als drittes Beispiel dient die Talkshow "Caren Miosga". Unter Berufung auf Georg Diez und den "Volksverpetzer" kritisiert Martens, die Moderatorin habe das rechte Narrativ der "Einwanderung in die Sozialsysteme" unkritisch übernommen und damit "extrem vorurteilsbeladen, ja ressentimentgeschwängert" argumentiert – obwohl Migrant:innen faktisch mehr in die Sozialkassen einzahlen, als sie beziehen. Für Martens sind dies Belege dafür, wie dominante Medienlogiken den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zum "hilflosen Helfer" neofaschistischer Strategien machen. Seine zugespitzte Schlussfolgerung lautet: "Journalismus, der nicht antifaschistisch ist, ist keiner."
Einordnung
Martens argumentiert aus einer klar medienkritischen, linken Perspektive und setzt normative Maßstäbe für guten Journalismus. Die Stärke des Textes liegt in präzisen Einzelfallanalysen, die strukturelle Probleme wie das falsch verstandene Prinzip der "Perspektivenvielfalt" offenlegen. Ausgeblendet bleibt dabei die redaktionsinterne Logik, wonach ein unkommentiertes Stehenlassen von Aussagen oft als vermeintlich neutrale Abbildung der Realität gilt. Die unausgesprochene Annahme des Textes ist, dass es einen klaren Konsens darüber gibt, welche Positionen keinen Raum bekommen sollten. Die Forderung nach "antifaschistischem Journalismus" ist eine politische Setzung, die im Detail klärungsbedürftig wäre, was sie konkret für die Berichterstattung bedeutet. Die Agenda ist eine kämpferische Verteidigung journalistischer Standards gegen rechte Diskursverschiebungen und eine Warnung vor deren Normalisierung. Lesenswert ist dieser Altpapier-Beitrag für alle, die verstehen wollen, wie rechte Narrative in den Mainstream einsickern und welche Verantwortung die Medien dafür tragen.