Der F.A.Z.-Podcast „Machtprobe" nimmt anhand des russischen „Tags des Sieges" eine Bestandsaufnahme der wirtschaftlichen und geopolitischen Lage Russlands vor. Zu Wort kommen der Moskau-Korrespondent Friedrich Schmidt, der Wiener Ökonom Vasili Astrov sowie der Leiter des Newsletters „F.A.Z. Weltwirtschaft", Christoph Hein. Die Gespräche kreisen um die Wirkung westlicher Sanktionen, die strukturellen Probleme der russischen Kriegswirtschaft und die Frage, wie sehr Putins Schwäche seine internationalen Bündnisse verändert. Auffällig ist die durchgängige Rahmung der Analyse als westlicher Blick auf ein als autoritär und aggressiv gezeichnetes Regime – Hinterfragungen dieser Position oder alternative geopolitische Perspektiven jenseits der Bündnisfrage werden nicht sichtbar.
Zentrale Punkte
- Sanktionen wirken nur über Drittländer Die gegen Russland verhängten Sanktionen seien wirkungsvoll, jedoch nur indirekt – die größte Hebelwirkung liege darin, Länder wie China und Indien zu sanktionieren, die ihrerseits russisches Öl mit Preisabschlag kauften und sanktionierte Güter teurer weiterleiteten.
- Krieg erzeugte vorübergehenden Konsumboom Die extreme Ausweitung der Staatsausgaben für das Militär habe ab 2023 zu einem Lohnwettbewerb und steigenden Einkommen in vielen zivilen Branchen geführt; die daraus resultierende Inflation zwinge die Zentralbank nun zu Leitzinsen um 14,5 Prozent, die künftige Investitionen hemmten.
- Putin verliert sein wichtigstes Kapital Durch die vielen, auch symbolischen Rückschläge – Internetblockaden, ukrainische Drohnenangriffe, schwindender Einfluss – verliere Putin seine bisherige Aura des „starken Mannes", was ihm im Kreise anderer Autokraten wie Xi Jinping Ansehen koste und seinen Verhandlungsspielraum verkleinere.
Einordnung
Das Gespräch zeichnet ein differenziertes und materialreiches Bild der miteinander verzahnten Faktoren – Inflation, Arbeitskräftemangel, Abhängigkeit von Rohstoffexporten –, die Russlands Wirtschaft und damit Putins Handlungsspielraum zusetzen. Die Einbindung des Ökonomen Astrov bringt eine wertvolle Tiefenschärfe, indem sie die binnenwirtschaftlichen Verzerrungen der Kriegswirtschaft erklärt.
Die Diskussion verbleibt dabei konsequent in einer westlichen Analyseperspektive: Russlands Handeln wird ausschließlich unter dem Gesichtspunkt von Zwang, Kontrolle und Schwäche betrachtet. Nicht hinterfragt wird die Prämisse, dass wirtschaftlicher Druck auf ein autoritäres Regime automatisch wünschenswerte politische Effekte habe; die Gefahr, dass eine destabilisierte Atommacht auch neue Risiken birgt, klingt nur ganz am Rande an. Ukrainische Perspektiven oder Stimmen aus Forderungen nach gerechtem Frieden sucht man vergebens.
Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die eine kluge geopolitische und volkswirtschaftliche Verortung von Russlands derzeitiger Schwäche suchen, ist die Folge ein lohnender Einstieg.
Sprecher:innen
- Felix – Moderator des F.A.Z.-Podcasts „Machtprobe"
- Christoph Hein – Leiter des Newsletters „F.A.Z. Weltwirtschaft"
- Friedrich Schmidt – F.A.Z.-Korrespondent für Russland
- Vasili Astrov – Ökonom und Russlandexperte am Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW)