Ben Kutz widmet sich in dieser Ausgabe des „Altpapiers“ der medialen Empörungswelle um einen Auftritt des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Daniel Günther bei Markus Lanz im Januar 2026. Der Vorwurf, der vor allem von rechten Portalen wie „Nius“ sowie Springers „Welt“ und „Bild“ forciert wird: Günther wolle unliebsame Medien zensieren. Kutz dekonstruiert diese Lesart minutiös anhand des Sendungstranskripts. Er weist nach, dass die entscheidende Szene auf einer irreführenden Fragestellung des Moderators beruht. Zwar bejahte Günther Lanz’ Frage nach Regulierung und Verbot, der Kontext belegt jedoch, dass sich dieses „Ja“ auf ein zuvor diskutiertes Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren bezog – den sogenannten „australischen Weg“. Der Autor kritisiert, dass Günther das Wort „Verbot“ erst Minuten zuvor in diesem spezifischen Jugendschutz-Kontext nutzte und Begriffe wie „Zensur“ gar nicht selbst einführte. Kutz wirft Teilen der Medienlandschaft, insbesondere dem Springer-Verlag, vor, bewusst ein „falsches Framing“ zu betreiben. Trotz Günthers eigener Richtigstellung werde das Narrativ des Zensur-Befürworters gezielt weiterverbreitet. Selbst der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) habe das Framing unkritisch übernommen, was Kutz als journalistisches Versagen wertet. Er zitiert Beispiele, wie Videoclips in sozialen Medien sinnentstellend verkürzen, um Empörung zu bewirtschaften. Besonders scharf attackiert er „Welt-TV“ und „Bild“, denen er vorwirft, im „Kampagnenmodus“ zu agieren und selbst absurden juristischen Drohgebärden gegen Günther eine Bühne zu bieten. ## Einordnung Ben Kutz liefert eine notwendige, faktenbasierte Korrektur einer hysterischen Debatte, indem er konsequent auf die Originalquelle zurückgreift. Seine Analyse entlarvt Mechanismen der Empörungsökonomie, bei der Kontext zugunsten politischer Mobilisierung geopfert wird. Kutz positioniert sich klar gegen die Methoden rechter „Krawallportale“ und die Kampagnenlust des Springer-Verlags. Er mahnt implizit die Verantwortung etablierter Journalist:innen an, Quellen sorgfältiger zu prüfen, statt Narrative ungeprüft zu übernehmen – eine Kritik, die besonders den DJV trifft. Die Argumentation ist schlüssig, wenngleich der Ton gegenüber Springer erwartbar polemisch ausfällt, was angesichts der Schwere der Verzerrung jedoch gerechtfertigt erscheint. Der Text verdeutlicht die Gefahr, wenn komplexe Talkshow-Dynamiken auf Twitter-taugliche Schnipsel reduziert werden. Er zeigt auf, wie „alternative“ und etablierte konservative Medien Diskurse verschieben und dabei faktische Zusammenhänge ignorieren. Lesenswert ist die Ausgabe für alle, die verstehen wollen, wie Desinformation durch Verkürzung funktioniert. Wer hingegen reine Nachrichten ohne medienkritische Meta-Ebene sucht, ist hier falsch.