Die Episode spannt einen weiten Bogen von der militärischen Eskalation im Ukraine-Krieg über die stockenden Iran-Verhandlungen bis zum vernachlässigten deutschen Zivilschutz. Der eigentliche Schwerpunkt liegt jedoch auf einer NDR-Recherche, die einen tiefgreifenden Widerspruch deutscher Politik offenlegt: Während Wirtschaftsminister Robert Habeck öffentlich die Ukraine unterstützte und vor Ort Solidarität demonstrierte, habe der Chef der verstaatlichten Firma Sefe – der früheren Gazprom Germania – in Dubai mit einem Putin-Vertrauten über die Wiederaufnahme von Flüssiggaslieferungen verhandelt.
Die Gasgeschäfte werden vor allem als geopolitisches Druckmittel und Finanzierungsquelle des Kremls beschrieben. Die Recherche decke auf, wie betriebswirtschaftliche Motive einer bundeseigenen Gesellschaft dazu führten, dass Russland bis heute über Steuereinnahmen aus diesen Lieferungen seine Kriegsmaschinerie mitfinanziere – obwohl die Firma russischen Sanktionen unterlag und problemlos alternative Bezugsquellen hätte nutzen können.
Zentrale Punkte
- Ukrainische Schläge auf Moskaus Umgebung Die Ukraine habe ihre Angriffe auf den Großraum Moskau ausgeweitet und dabei Rüstungsanlagen und Energieinfrastruktur getroffen. Präsident Selenski bezeichne dies als „völlig faire Antwort" auf die anhaltende russische Bombardierung ukrainischer Städte und als Demonstration der gewachsenen Reichweite eigener Raketen.
- Trump im Iran-Konflikt taktierend US-Präsident Trump setze auf einen widersprüchlichen Mix aus martialischen Drohungen – die Uhr ticke, sonst gebe es neue Angriffe – und plötzlichen Friedenssignalen. Er habe einen geplanten Angriff abgeblasen und hoffe auf eine Verhandlungslösung. Die iranische Führung reagiere betont gelassen und spiele auf Zeit, was eine schnelle diplomatische Lösung unwahrscheinlich mache.
- Deutsche Sefe löste russische Lieferungen wieder aus Der Chef der dem Bund gehörenden Sefe habe sich 2023 in Dubai mit dem Oligarchen Leonid Mikelson getroffen und die Wiederaufnahme von LNG-Lieferungen aus einem sibirischen Projekt vereinbart. Danach habe die Sefe in Moskau um eine Ausnahmegenehmigung von den eigenen Sanktionen gebeten, die der Kreml umgehend erteilt habe.
- Gas blieb entgegen der offiziellen Darstellung in Europa Offiziell sei das russische LNG für Indien bestimmt gewesen, so die Sefe. Recherchen von Greenpeace und Urgewald belegten jedoch, dass 98 % der Tanker aus Jamal in EU-Häfen anlegten und das Gas ins europäische Netz eingespeist wurde. Auf diese Weise habe das Geschäft dem Kreml bis Ende 2024 fast 1,5 Milliarden Euro eingebracht.
Einordnung
Die Recherche entfaltet ihre Stärke in der präzisen Rekonstruktion eines Entscheidungsprozesses, der politische Absichtserklärungen und wirtschaftliches Handeln auseinanderdividiert. Die Dokumentation des Dubai-Treffens, das interne Memo des Sefe-Chefs mit dem expliziten Wunsch nach einem „Narrativ" für Berlin und die Gegenüberstellung von Habecks Kiew-Besuch mit den parallelen Gasverhandlungen zeichnen das Bild eines Unternehmens, das geopolitische Konsequenzen zugunsten betriebswirtschaftlicher Logik ausblendete. Die Umrechnung der Kreml-Einnahmen in Artilleriegranaten und Drohnen macht die realen Auswirkungen dieser Geschäfte konkret.
Die Analyse verbleibt jedoch in einem Rahmen, der wirtschaftliche Zwänge und unternehmerische Handlungsspielräume kaum ausleuchtet. Dass ein bundeseigener Gashändler langfristige Lieferverträge und Schiedsgerichtsrisiken abwägen muss, wird zwar erwähnt, aber nicht vertieft. Der implizite Maßstab der Berichterstattung – die Sefe hätte sämtliche Russland-Geschäfte ruhen lassen sollen – setzt eine permanente wirtschaftliche Kriegsführung als Normalzustand voraus, ohne zu diskutieren, wie realistisch eine völlige Entkopplung globaler Energiemärkte ist. Die Perspektive der indischen Kunden und der Charakter langfristiger LNG-Verträge als faktische Zwangsverpflichtungen bleiben unterbelichtet.
Auffällig ist die Sprachebene: Während Stefan Niemann im ersten Teil von einem „plappernden Präsidenten" Trump spricht, dessen Äußerungen „offensichtlich maßlos übertrieben" seien, verfährt die Recherche selbst mit einem sachlich-distanzierten Ton, der die Diskrepanz zwischen politischer Rhetorik und geschäftlichem Handeln umso deutlicher hervortreten lässt.
Das Memo des Sefe-Chefs bringt die Haltung des Unternehmens auf den Punkt: Läger selbst habe nach dem Dubai-Treffen intern festgehalten, man „brauche jetzt ein Narrativ, um das der Politik in Berlin auch wirklich verkaufen zu können mit dem russischen Gas". Diese Formulierung zeigt, wie bewusst die Differenz zwischen öffentlicher Deutung und geschäftlicher Motivation wahrgenommen wurde.
Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, wie sich wirtschaftliche Interessen und geopolitische Solidarität im deutschen Regierungshandeln reiben, bietet diese Recherche einen selten detaillierten Einblick in Entscheidungsprozesse einer bundeseigenen Firma.
Sprecher:innen
- Kai Küstner – Host, Sicherheitsexperte bei NDR Info
- Stefan Niemann – Co-Host, langjähriger ARD-Korrespondent
- Jürgen Webermann – NDR Info-Rechercheur zum Sefe-Gasgeschäft