Der anonyme Autor von "Notes from the Circus" unternimmt in dieser langen, dichten Ausgabe eine schonungslose Abrechnung mit einem Phänomen, das er in Anlehnung an August Bebel den "Anti-Imperialismus der Narren" nennt. Seine Kernthese: Ein bedeutender Teil der westlichen Linken habe den Kampf gegen das amerikanische Imperium durch eine unkritische Apologetik für dessen Rivalen ersetzt, insbesondere für China und Russland. Diese Haltung sei keine emanzipatorische Politik, sondern ein reflexhaftes "Camp-Denken", das die Verbrechen autoritärer Mächte systematisch ignoriere oder gar verteidige, solange diese Mächte nur gegen die USA agieren. Die eigentliche Tragödie, so der Autor, liege nicht nur im intellektuellen Verrat an den Unterdrückten, sondern in der konkreten materiellen Grundlage dieses Verrats.

Das Herzstück des Newsletters ist eine detaillierte investigative Spurensuche. Der Autor stützt sich auf einen zentralen Bericht der New York Times, um ein Netzwerk offenzulegen, das vom Tech-Millionär Neville Roy Singham gesponnen wurde. Mit rund 275 Millionen Dollar, so die Rekonstruktion, habe Singham über ein Geflecht von Briefkastenfirmen und Non-Profits linke Medien, Thinktanks und Aktivist:innen finanziert – von Code Pink über The Grayzone bis hin zu Jackson Hinkle. Dies alles mit dem Ziel, Positionen der Kommunistischen Partei Chinas von Xinjiang bis Taiwan in den westlichen Diskurs einzuspeisen und zu normalisieren. Der Autor erweitert diesen Blick aber weit über die Linke hinaus: Er diagnostiziert eine "Hufeisen"-Topologie, bei der sich die gekaufte postliberale Rechte (Stichwort Tenet Media) und die gekaufte campistische Linke am selben Geldquell aus Autokratien und deren Tech-Investoren treffen, um gemeinsam die liberale Demokratie zu zerstören.

Das Ziel dieser gekauften Struktur sei nicht einmal direkte Kontrolle, sondern die Schaffung von Kompatibilität: "Die Struktur, die ich gestern auf der Rechten beschrieben habe, ist dieselbe. Ein Finanzierungsapparat, der keine Loyalität kauft, sondern Kompatibilität." Der Autor nennt Ross und Reiter, darunter Tucker Carlson, Tulsi Gabbard und Glenn Greenwald, und zeichnet das Bild einer breiten Front von Akteur:innen, die – ob wissentlich oder nicht – den Propaganda-Interessen fremder Mächte dienen. Er verknüpft dies mit der intellektuellen Geschichte von George Orwell und Christopher Hitchens, um für eine dritte, wirklich prinzipientreue Position zu plädieren: eine, die nicht das geopolitische Schachspiel, sondern den einzelnen "Menschen unter der Macht" in den Mittelpunkt stellt, "in jedem Land, das sie gefangen hält, gegen jedes Regime, das sie gefangen hält".

Einordnung

Der Autor spricht aus einer dezidiert liberalen und innerlinken Ketzerperspektive. Seine Stärke ist die akribische Zusammenführung öffentlich zugänglicher Recherchen zu einem schlüssigen, alarmierenden Narrativ. Er benennt reale Abhängigkeiten und ideologische Verirrungen präzise und mutig. Dennoch bleibt die Analyse bewusst einseitig. Sie pathologisiert die Kritisierten oft durch einen rein moralisierenden Blick, ohne die zugrundeliegende – wenn auch fehlgeleitete – Motivation wirklich zu ergründen. Die tiefsitzende Wut auf den realen, tödlichen US-Imperialismus und das Bedürfnis nach geopolitischer Gegenmacht werden als bloße "Vibes" abgetan, finanziert von dunklen Mächten. Dadurch entsteht ein Spaltungsnarrativ, das zwar interne Fehlentwicklungen brandmarkt, aber wenig Raum für die Komplexität von Machtanalyse oder die legitime Suche nach einer multipolaren Weltordnung lässt.

Die politische Relevanz des Textes ist 2026 immens, da er die konkreten Finanzflüsse hinter der globalen Desinformationskrise benennt. Der Newsletter ist lesenswert für alle, die eine scharfsinnige und detailliert belegte Polemik gegen die käufliche Unterwanderung politischer Ränder suchen. Er bietet jedoch eine ausdrückliche Lesewarnung für jene, die eine differenzierte, selbstkritische Debatte über die Widersprüche linker Außenpolitik erwarten. Wer Zustimmung zum US-geführten Westen sucht, wird in dem anonymen Autor ebenfalls keinen Verbündeten finden.