Johannes Franzen widmet sich in dieser Ausgabe der Anatomie des Verrisses und der damit verbundenen ästhetischen Verachtung. Er argumentiert, dass vernichtende Urteile oft eine größere Bekanntheit erlangen als die kritisierten Werke selbst. Dabei schlüpfe der Kritiker in die Rolle des Publikumsanwalts, wobei der Reiz weniger in der bloßen Warnung als in der kunstvollen Inszenierung der Herabsetzung liege. Der Verriss wird als eine institutionalisierte Form der Verachtung beschrieben, die sowohl Urheber:innen als auch deren Publikum treffen soll. Besonders eindrücklich schildert Franzen die Inszenierungen eines Marcel Reich-Ranicki, der den Verriss als „aggressive Verteidigung der Literatur“ stilisierte und sich in der Tradition aufklärerischer Härte sah. Ein zentrales Motiv ist die Gewaltmetaphorik: Bücher werden zerhackt, zerrissen oder, wie Friedrich Schlegel formulierte, die Kritik sei „die Kunst, die Scheinlebendigen in der Literatur zu töten“.

Diese rhetorische Aggression provoziere laut Franzen wiederum heftige Gegenwehr, die von literarischen Abrechnungen bis hin zu physischen Übergriffen wie der Hundekot-Attacke in der Staatsoper Hannover reicht. Der Autor macht deutlich, dass dieser Kampf um den Geschmack eine energetisierende Wirkung auf die Rezeption entfaltet. Der Hass auf das vermeintlich Schlechte fungiere als Beweis für die Relevanz der Kunst im gesellschaftlichen Diskurs. Franzen resümiert, dass das Genre des Verrisses das Drama des Geschmacks auf eine öffentliche Bühne hebe und so die Teilhabe an der Kultur belebe. Es ginge darum, die „Relevanz der Rezeption vorzuleben“ und zu verdeutlichen, dass über Kunst leidenschaftlich gestritten werden muss. „Schlecht ist schlecht, und es muss gesagt werden“, zitiert er als Leitmotiv dieser unnachgiebigen Haltung.

Einordnung

Der Text bietet eine scharfsinnige Analyse der Machtdynamiken im Kulturbetrieb, wobei Franzen den Verriss als notwendiges Korrektiv gegen eine grassierende „Lobhudelei“ rahmt. Auffällig ist die starke Fokussierung auf prominente männliche Kritikerfiguren des 20. Jahrhunderts, was den Text in einer traditionellen Sichtweise auf das agonale Verhältnis von Künstler:in und Kritiker:in belässt. Alternative Perspektiven, die den Verriss als Instrument zur Zementierung elitärer Machtansprüche werten könnten, werden weitgehend ausgeblendet. Franzen setzt voraus, dass es objektive Maßstäbe für Qualität gibt, die eine geschulte Kritikerkaste verteidigen muss.

Dennoch gelingt ihm eine faszinierende Einbettung aktueller Skandale in eine lange kulturgeschichtliche Tradition. Der Newsletter ist eine klare Leseempfehlung für alle, die sich für die Mechanismen der öffentlichen Meinungsbildung und die Lust an der ästhetischen Konfrontation interessieren. Er legt die oft verborgenen emotionalen Energien hinter kulturellen Konflikten brillant offen.