Im taz-Podcast Bundestalk diskutieren Bernd Pickert, Lin Hierse, Fabian Kretschmer und Sven Hansen Chinas veränderte Rolle in der Weltpolitik. Anlass sind die Besuche von Donald Trump und Wladimir Putin in Peking, die sie als Inszenierung eines Machtgefälles deuten: Xi Jinping habe beide mit großem Pomp empfangen, aber unmissverständlich klargemacht, dass die Bittsteller kaum konkrete Ergebnisse mit nach Hause nähmen. Die Runde beschreibt ein Land, das aus der Schwäche der USA und Russlands Kapital schlage und sich wirtschaftlich, militärisch und diplomatisch als tonangebende Kraft des Globalen Südens verstehe.

Zentrale Punkte

  • China als neues Machtzentrum Xi Jinping habe Trump und Putin als Bittsteller empfangen und Chinas gewachsene Stärke demonstriert. Das Land profitiere von den Kriegen der USA und Russlands, während die eigene Wirtschaft aufhole und das Militär zur größten Marine der Welt ausgebaut werde.
  • Taiwan als entscheidende rote Linie Trump behandle Waffenlieferungen und Sicherheitsgarantien als Verhandlungsmasse, was in Ostasien ein Wettrüsten auslöse. China sehe die Taiwanstraße als strategische Barriere, die es militärisch kontrollieren wolle – und könne Trumps Schweigen als Ermutigung verstehen.
  • Außenpolitik als reines Interessensspiel China agiere ohne feste militärische Allianzen und rein zweckorientiert – von der Unterstützung des russischen Gashandels bis zur Zusammenarbeit mit Militärregimen. Menschenrechte würden weder in Chinas Außenpolitik noch in den aktuellen westlichen Beziehungen eine nennenswerte Rolle spielen.

Einordnung

Die Episode leistet eine präzise Einordnung der geopolitischen Machtverschiebungen. Die Diskutant:innen bringen fundierte Kenntnisse aus eigener Korrespondententätigkeit ein – von den Feinheiten der Gaspipeline-Verhandlungen bis zu den militärstrategischen Inselketten. Besonders aufschlussreich ist die Analyse, dass China bewusst keine klassischen Militärallianzen eingehe, um sich nicht in fremde Konflikte ziehen zu lassen.

Allerdings vermittelt die Runde eine fast zynisch-realpolitische Perspektive, die das „Dealmaking“ als alternativlos erscheinen lässt. Wenn etwa die höhere Leidensfähigkeit der chinesischen Bevölkerung als „Vorteil einer autoritären Regierung“ bezeichnet wird, bleibt diese Aussage ohne kritische Einordnung. Chinas innenpolitische Repression wird erst in den Schlussminuten gestreift, wirkt dann aber wie eine persönliche Erinnerung. Fabian Kretschmers Satz illustriert das Dilemma: „Was nützt einem all die glitzernden Skylines […] und die ganzen Innovationen, die dort stattfinden, wenn man nicht durch einen Rechtsstaat geschützt ist“ – ein Einwurf, der den Wert demokratischer Freiheiten benennt, aber als individuelle Reflexion am Rand steht, statt strukturell vertieft zu werden.

Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, wie China von einer aufstrebenden Macht zum selbstbewussten Pol eines multipolaren Weltsystems wird – und wo Europa seinen Platz darin suchen könnte.

Sprecher:innen

  • Bernd Pickert – taz-Auslandsredaktion, zuständig für die USA
  • Lin Hierse – Leiterin Politikteam Wochentaz, Sinologin und Autorin
  • Fabian Kretschmer – ehemaliger China-Korrespondent der taz, berichtet aus Südkorea
  • Sven Hansen – taz-Asienredakteur, ehemaliger Korrespondent in Hongkong