Mittelweg 36: Wie fake sind Stablecoins, Aaron Sahr?
Wirtschaftssoziologe Aaron Sahr analysiert die Versprechen von Kryptowährungen und erklärt, was monetäre Freiheit wirklich bedeutet.
Mittelweg 36
48 min read2646 min audioIn der Episode des Mittelweg 36 Podcasts spricht Hannah Schmidt-Ott mit dem Wirtschaftssoziologen Aaron Sahr über sein Buch „Fake Coins“. Das Gespräch verhandelt Kryptowährungen, insbesondere Bitcoin und Stablecoins, nicht primär als technologische Innovationen, sondern als Symptome bestehender Machtasymmetrien im traditionellen Finanzsystem. Sahr nutzt die Versprechen der digitalen Währungen als analytische Folie, um die Defizite und Freiheitskonflikte der heutigen Geldordnung aufzuzeigen.
Auffällig ist dabei in der Diskursführung, wie ökonomische Grundannahmen historisiert und politisiert werden. Das hegemoniale Verständnis von Geld als neutralem Tauschmittel oder unpolitischer Infrastruktur wird als ideologische Setzung entlarvt. Stattdessen wird die Gestaltung von Geldschöpfung und Zahlungsverkehr als zutiefst demokratische Frage gerahmt, bei der es um fundamentale gesellschaftliche Zugangs- und Verfügungsrechte geht.
### Zentrale Punkte
* **Bitcoin als analytischer Spiegel**
Sahr erkläre, dass Bitcoin als radikale Utopie in der Praxis zwar scheitere, aber als analytisches Werkzeug diene. Die Währung mache bestehende Ungleichheiten im klassischen Geldsystem sichtbar.
* **Stablecoins als neues Schattengeld**
Stablecoins würden als unreguliertes Schattengeld fungieren. Sie bärgen ein klassisches Bankrun-Risiko, da ihre Deckung im Krisenfall durch das traditionelle Finanzsystem gerettet werden müsse.
* **Infrastruktur als politisches Druckmittel**
Der Ausschluss aus dem Bankensystem werde zunehmend als politisches Druckmittel genutzt. Am Beispiel der Roten Hilfe zeige Sahr, wie Vermittlerstrukturen die Verfügungsfreiheit einschränkten.
* **Scheitern des Emanzipationsversprechens**
Letztlich verfehlten Digitalwährungen ihr Emanzipationsversprechen. Durch staatliche Regulierung und die Konzentration auf wenige kommerzielle Server reproduzierten sie alte Machtgefälle.
### Einordnung
Die Episode besticht durch ihre konsequente Politisierung eines oft rein technisch oder finanzwirtschaftlich geführten Diskurses. Sahr gelingt es, abstrakte Konzepte wie die Blockchain an konkreten demokratischen Grundrechten zu spiegeln. Besonders stark ist die Argumentationsstruktur, wenn der Ausschluss aus dem internationalen Zahlungssystem als Entzug existenzieller gesellschaftlicher Teilhabe gerahmt wird – hier wird die strukturelle Macht von Finanzintermediären greifbar und verständlich aufgeschlüsselt.
Kritisch anzumerken ist, dass die materielle Realität von Kryptowährungen als unhinterfragte Leerstelle verbleibt. Der immense Energie- und Ressourcenverbrauch der Netzwerke wird bei der Diskussion um „Freiheitsgrade“ komplett ausgeblendet, wodurch die physischen und ökologischen Kosten dieser technologischen Utopie implizit als irrelevant vorausgesetzt werden. Dennoch liefert das strukturierte Gespräch wertvolle Impulse für eine demokratische Geldtheorie abseits ökonomischer Sachzwang-Rhetorik.
**Hörempfehlung**: Die Episode ist überaus empfehlenswert für alle, die jenseits des reinen Krypto-Hypes verstehen wollen, wie tiefgreifend die Architektur unseres Geldsystems demokratische Freiheitsrechte bestimmt.
### Sprecher:innen
* **Hannah Schmidt-Ott** – Redakteurin bei Soziopolis und Moderatorin
* **Aaron Sahr** – Wirtschaftssoziologe und Leiter der Forschungsgruppe Monetäre Souveränität am HIS