In einer Live-Aufnahme des Podcasts «Treibhaus» diskutieren drei Gäste mit ganz unterschiedlichen Rollen über den Stand der Basler Klimapolitik: Regierungsrat Kaspar Sutter, zuständig für das Departement Wirtschaft, Soziales und Umwelt, Axel Schubert als Vertreter der Klimagerechtigkeitsinitiative Basel 2030, und Michaela Reimann, Co-Leiterin des Vereins Basel 2037, der kleine und mittlere Unternehmen bei der Klimatransformation unterstützt.
Die Diskussion kreist um die Frage, wie verbindlich und tiefgreifend die Transformation in Richtung Netto-Null 2037 tatsächlich vorankommt. Sutter betone die bereits erreichten Erfolge – 100 Prozent erneuerbaren Strom, sinkende Emissionen, klare Regeln beim Heizungsersatz – und verweise auf die Grenzen kantonaler Kompetenz, etwa bei der Regulierung des Flughafens oder von Verbrennungsmotoren. Schubert hingegen sehe die Umsetzung als «allzu pragmatisch»: Der Kanton manage das Ziel 2037, statt eine echte gesellschaftliche Transformation voranzutreiben. Reimann wiederum beschreibe die Wirtschaft als auf Kurs, betone aber, viele Unternehmen wüssten noch nicht, was Netto-Null konkret für sie bedeute. Als selbstverständlich gesetzt erscheine in der Debatte, dass Klimaschutz die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts nicht gefährden dürfe und dass bei Zielkonflikten im öffentlichen Raum demokratisch abgewogen werden müsse, statt etwa dem Klimaschutz grundsätzlich Vorrang einzuräumen.
Zentrale Punkte
- Erfolge und Grenzen kantonalen Handelns Kaspar Sutter verweise auf messbare Fortschritte wie 40 Prozent Emissionsreduktion seit 2010 und vollständig erneuerbaren Strom. Gleichzeitig betone er, der Kanton könne nur im Rahmen seiner Kompetenzen regulieren – Verbote für Verbrennungsmotoren oder Abgaben am Flughafen seien nicht möglich, ohne dass Emissionen einfach an andere Orte verlagert würden.
- Transformation oder bloßes Management? Axel Schubert kritisiere, die Klimastrategie werde technokratisch «gemanagt», statt eine gesellschaftliche Transformation mit «Spirit» anzustoßen. Die Dringlichkeit des 1,5-Grad-Ziels sei nicht ausreichend im öffentlichen Bewusstsein verankert. Nötig sei eine aktivierende Partizipation der Bevölkerung, die über das Einbinden von Stakeholdergruppen hinausgehe.
- Die Wirtschaft zwischen Freiwilligkeit und Marktlogik Michaela Reimann beschreibe, wie der Verein Basel 2037 KMUs mit Beratung und Fördergeldern aus dem Standortpaket unterstütze. Regulierungen lehne Sutter ab, weil sie Unternehmen vertreiben könnten. Stattdessen setze man auf Anreize und die Signalwirkung großer Firmen, die Klimaziele in ihre Lieferketten hinein durchsetzten.
- Leadership als offene Baustelle Auf die Frage, wer in Basel Führung in der Klimatransformation übernehme, antworten alle drei, es brauche gemeinsames Handeln von Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft. Schubert ergänze, soziale Bewegungen spielten eine wichtige Rolle, würden aber teils kriminalisiert. Eine klare Führungsfigur oder -institution werde nicht benannt.
Einordnung
Die Stärke dieser Episode liegt in der Multiperspektivität: Eine Regierungsvertretung, ein Aktivist und eine wirtschaftsnahe Umsetzerin diskutieren auf Augenhöhe, wobei reale Zielkonflikte – begrenzte kantonale Kompetenzen, die Sorge um Standortverlagerungen, das Spannungsfeld zwischen freiwilligen Maßnahmen und ordnungsrechtlichen Eingriffen – offen benannt werden. Gerade Sutters Hinweis, dass Klimaschutz global gelöst werden müsse und Basel allein das Klima nicht retten könne, macht die Diskussion ehrlicher als manche rein appellative Debatte. Die Konkretisierung anhand von Beispielen wie Fernwärmeausbau, Velowegen oder der Kehrichtverbrennungsanlage verleiht der Diskussion zudem informativen Wert für ein Basler Publikum.
Kritisch bleibt, dass die ökonomische Rahmung – Wettbewerbsfähigkeit, Standortlogik, Anreize statt Verbote – fast durchgängig als unhinterfragte Prämisse gesetzt wird. Sutters Argument, Regulierung bringe nichts, wenn Emissionen nur verlagert würden, blendet aus, dass verbindliche Regeln auch Standards setzen und Innovationen anstoßen können. Die Bevölkerung erscheint überwiegend als zu informierende oder mitzunehmende Größe, nicht als aktiv gestaltende. Dass die Diskussion über Klimagerechtigkeit zwar benannt, aber kaum mit konkreten Verteilungsfragen verknüpft wird – etwa wer die Kosten der Transformation trägt –, ist eine weitere Leerstelle. Fehlende Perspektiven sind hier weniger eine Frage mangelnder Gästeauswahl, sondern des Diskursrahmens: Wie viel Transformation ist innerhalb der bestehenden Wirtschaftslogik überhaupt möglich – und wo müsste diese Logik selbst zur Disposition stehen?
Hörempfehlung: Wer verstehen möchte, wie Klimapolitik auf kantonaler Ebene zwischen Ambition und Pragmatismus verhandelt wird, bekommt hier eine gehaltvolle und kontroverse Diskussion geboten.
Sprecher:innen
- Kaspar Sutter – Basler Regierungsrat, Departement für Wirtschaft, Soziales und Umwelt
- Axel Schubert – Mitinitiant der Klimagerechtigkeitsinitiative Basel 2030
- Michaela Reimann – Co-Geschäftsleiterin des Vereins Basel 2037 (KMU-Klimaberatung)
- Christoph Keller – Co-Moderator, Treibhaus-Podcast
- Lilla Gurtner – Co-Moderatorin, Treibhaus-Podcast