Das Gespräch, geführt am St. Gallen Symposium, drehe sich um den Zustand Europas in einer Zeit, die der Politikwissenschaftler Ivan Krastev als einen grundlegenden Bruch und nicht bloss als Krise verstehe. Als zentrale These vertrete er, dass sich das menschliche Vorstellungsvermögen von Zukunft radikal verändert habe: Sie werde nicht mehr als gestaltbares Projekt begriffen, sondern als Ansammlung von Bedrohungsszenarien und Projektionen. Diese Verschiebung führt er auf eine Gleichzeitigkeit von scheinbar persönlicher Unsterblichkeit – durch Technologie – und kollektiver Sterblichkeit von Nationen – durch demografischen Wandel – zurück. In dieser Konstellation fungiere Donald Trump als Symptom einer ahistorischen, auf die eigene Lebenszeit verengten Politik.
Zentrale Punkte
- Zeit als entscheidendes Symptom Das gewandelte Zeitempfinden sei die tiefere Ursache der Verunsicherung. Während Putin in Jahrhunderten denke, lebe Trump in einem Horizont von Wochen und interessiere sich nicht für die Zeit nach seiner Amtszeit. Diese Verkürzung gehe einher mit dem Glauben von Tech-Milliardären an persönliche Unsterblichkeit, was den generationenübergreifenden Vertrag als Fundament der Nation obsolet erscheinen lasse.
- Das Anthropozän als Zeitalter der Angst Menschen liessen sich leichter durch menschlich verursachte Bedrohungen mobilisieren als durch Naturkatastrophen. Im Anthropozän werde jedoch selbst Naturgegebenes menschlichen Strategien zugeschrieben – alles erscheine als Folge von Entscheidungen. Diese Vermenschlichung aller Gefahren mache die Gegenwart zu einem permanenten Angstzustand, aus dem allein die Rückbesinnung auf Hoffnung herausführen könne.
- Die Kluft in der Kriegserfahrung Es bestehe eine tiefe Kluft zwischen einem Europa, das den Krieg für unmöglich halte, und den Erfahrungen von Migrant:innen aus Kriegsgebieten. Zudem fehle das Verständnis, dass Budgets keine Kriege führen, sondern Menschen. Diese mentale Diskrepanz sei ein zentrales Problem für die Verteidigungsfähigkeit und das kulturelle Selbstverständnis des Kontinents.
Einordnung
Die Stärke dieser Episode liegt in der Verknüpfung individueller Psychologie mit geopolitischen Entwicklungen. Ivan Krastev versteht es, komplexe Zusammenhänge – wie die Krise der Institutionen mit dem veränderten Zeithorizont von Politiker:innen – an eingängigen Anekdoten und pointierten Figurenvergleichen (Trump als TikTok-Präsident, Putin als der bei den Zaren Rat Suchende) zu veranschaulichen. Dies erzeugt einen echten Erkenntnisgewinn, der über tagespolitische Analysen hinausreicht. Besonders produktiv ist die eingeführte Unterscheidung zwischen Hoffnung und Optimismus sowie die von Mark Carney entlehnte Diagnose eines „Rapture", eines unumkehrbaren Bruchs. Dadurch bietet das Gespräch eine philosophisch grundierte Sprache für aktuelle Verunsicherungen an, ohne in Alarmismus zu verfallen.
Kritisch ist jedoch der Blick auf das zugrunde liegende Gesellschaftsbild. Die Diskussion bewegt sich fast ausschliesslich im Horizont einer intellektuellen Elite, die über „die Menschen" spricht. Die Fokussierung auf Führungsfiguren und Denker als Taktgeber der Geschichte – so erhellend sie im Einzelfall ist – blendet die Rolle sozialer Bewegungen und ökonomischer Verteilungskonflikte als treibende Kräfte der beschriebenen Brüche weitgehend aus. Zudem wird das von Krastev bemühte Narrativ der „glücklichen Generation", die den Übergang von geschlossener zu offener Gesellschaft erlebte, im Gespräch nicht mit den harten sozialen Verwerfungen der postkommunistischen Transformation konfrontiert. So bleibt eine Leerstelle zwischen der anspruchsvollen zeitdiagnostischen Deutung und den konkreten ökonomischen Ängsten grosser Bevölkerungsteile.
Sprecher:innen
- Ivan Krastev – Politikwissenschaftler, Vorsitzender des Centre for Liberal Strategies, Wien
- Wolfram Eilenberger – Philosoph und Moderator der SRF „Sternstunde Philosophie"