In dieser Episode der „Filmanalyse“ widerspricht Wolfgang M. Schmitt der aktuellen Kritik, Otto – Der Film sei rassistisch. Für ihn zeige die Debatte, die sich an einer einzigen Szene entzünde, dass Kritiker:innen nicht in der Lage seien, die „wahre Botschaft“ zu entschlüsseln. Die Analyse wird als eine Art Entlarvung angelegt: Schmitt will beweisen, dass der Film nicht rassistisch, sondern „genial“ sei. Dabei setzt er voraus, dass der satirische Charakter des Films und die Intention seiner Autoren von der „Neuen Frankfurter Schule“ jede rassistische Wirkung von vornherein ausschließen und eine überlegene, entlarvende Lesart ermöglichen.
Zentrale Punkte
- Der naive Otto als Spiegel Schmitt argumentiert, die Figur Otto sei ein „reiner Tor“, die herrschende rassistische Diskurse nur völlig naiv und übertrieben imitiere. Gerade dadurch werde den Zuschauer:innen der eigene Alltagsrassismus wie in einem Spiegel vorgehalten, anstatt ihn unkritisch zu reproduzieren.
- Rechtsphilosophie gegen den Rassismus Er deutet eine Szene, in der Otto einer alten Dame einen „Sklaven“ verkauft, als tiefgründigen Kommentar zur „Radbruchschen Formel“. Die Dame, die sich auf die kurzzeitige Legalität des Sklavenhandels berufe, veranschauliche die Nazi-Verteidigungsstrategie des reinen Legalismus und die fortdauernde Untertanenmentalität der Deutschen.
Einordnung
Schmitts Analyse entfaltet konsequent und kenntnisreich eine bestimmte Lesart des Films. Seine Stärke liegt darin, die zahlreichen filmischen und historischen Verweise zusammenzutragen, etwa auf den NS-Gürtel in der Heino-Szene oder die Kolonialmotivik, und mit philosophischen Konzepten zu untermauern. Das ist ein präzise belegtes Plädoyer für eine Perspektive, die den Klamauk als bewusste Überspitzung verstanden wissen will.
Die Analyse bleibt jedoch ganz in der Verteidigung einer Autorenintention verhaftet und setzt diese mit der tatsächlichen Wirkung gleich. Die Perspektive der Kritiker:innen wird nicht sachlich vorgestellt, sondern pauschal als Unfähigkeit abgetan. Zentrale Fragen werden so ausgeklammert: Kann die ständige ironisierende Wiederholung des N-Worts für Betroffene nicht trotzdem verletzend sein? Muss Satire nicht auch an ihrer Wirkung gemessen werden, nicht nur an ihrer vermeintlich „wahren Botschaft“? Die Figur des Otto als naiver Diskursverstärker ist eine elegante Argumentation, doch dass sie den Film vollständig gegen jeden Rassismusvorwurf immunisiere, ist eine Setzung, keine bewiesene Tatsache. So wird die Deutungshoheit allein beim Analysten verortet: „Wer diesem Film Rassismus vorwirft, will nur schauen, aber nicht sehen.“ Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Gegenstandpunkt findet nicht statt.
Sprecher:innen
- Wolfgang M. Schmitt – Podcaster und Filmkritiker, betreibt den Kanal "Die Filmanalyse"