Roger Köppel meldet sich in dieser Episode aus Moskau vor dem 2016 errichteten Denkmal des Großfürsten Wladimir des Ersten. Er nutzt das Monument, um die historischen Wurzeln Russlands, der Ukraine und Weißrusslands in der Kiewer Rus darzustellen. Der Krieg wird von ihm als ein Stellvertreterkonflikt gegen den Westen gedeutet, in dem die Ukraine als „Bruder-Volk“ kaum als eigenständig handelnde Partei erscheine. Köppel setzt die Annahme als selbstverständlich, dass ein Mangel an Dialog mit Russland das zentrale Problem sei und westliche Medien eine einseitige „Verteufelung“ betrieben. Seine Reportage verbindet Geschichtserzählung mit einem Appell, die neutrale Position der Schweiz zu wahren und Eskalationsrisiken ernst zu nehmen.

Zentrale Punkte

  • Historische Ursprünge als politisches Argument Köppel zeichne nach, wie Russland, Ukraine und Weißrussland ihre Staatlichkeit auf die Kiewer Rus und Wladimir den Großen zurückführten. Die 2016 errichtete Statue in Moskau sei eine bewusste Markierung dieses historischen Anspruchs, gewissermaßen ein kulturelles „Feldzeichen“ im heutigen Konflikt.
  • Der Krieg als Stellvertreterkonflikt Er gebe die in Moskau gehörte Sicht wieder, der Krieg richte sich nicht gegen die Ukraine, sondern gegen die USA und nun vor allem gegen Europa. Die Europäer würden durch Waffenlieferungen den Krieg eskalieren, während Russland aus dieser Perspektive zur Reaktion gezwungen werde.
  • Plädoyer für Neutralität und Dialog Köppel warne vor einer einseitigen Parteinahme und einem Ende der Gesprächsbereitschaft. Gerade mit der im Westen geächteten russischen Seite müsse man reden, um nicht Opfer eigener Missverständnisse zu werden. Die Schweizer Neutralität wird als schützenswertes Modell dargestellt.

Einordnung

Die Episode liefert eine ungewöhnliche Perspektive, indem sie aus dem Zentrum Moskaus berichtet und russische Sichtweisen auf den Krieg zumindest referiert. Köppel bemüht sich um eine historische Einordnung des Konflikts und spricht ein reales Problem an: Die weitgehende Unterbrechung direkter Gesprächskanäle zwischen westlichen und russischen Akteur:innen. Seine Beobachtungen zu Stimmung und Alltag in Moskau bieten einen seltenen Einblick, der in der aktuellen Berichterstattung oft fehlt.

Die Darstellung weist jedoch erhebliche Lücken auf. Köppel übernimmt zentrale rhetorische Versatzstücke aus dem offiziellen russischen Narrativ nahezu ungefiltert – etwa die Behauptung, es handle sich um einen Krieg gegen den Westen, nicht gegen die Ukraine. Dass er die Ukraine lediglich als Objekt westlicher Einmischung beschreibt, blendet deren eigenständige politische Handlungsfähigkeit und die völkerrechtswidrige russische Invasion aus. Seine Kritik an westlicher Einseitigkeit ist selektiv: Während er russische Positionen ausführlich erläutert („dies sei kein Krieg gegen die Ukraine“), werden ukrainische Perspektiven und die Motive europäischer Unterstützung nicht ernsthaft nachgezeichnet. Die Neutralitätsforderung gerät so zur Asymmetrie – als würde Verständigung vor allem bedeuten, der russischen Lesart Raum zu geben.

„Alle meine Gewährsleute hier erzählen mir, dass dies kein Krieg gegen die Ukraine sei, die Ukraine sei ein Bruder Volk, darum versuche man diesen Krieg auch sehr zurückhaltend zu führen.“ — In diesem Zitat zeigt sich exemplarisch, wie Köppel eine politisch hochbrisante Aussage ohne kritische Distanz als „Wahrnehmung“ referiert und damit eine beschwichtigende Sprachregelung übernimmt, die den Angriffscharakter des Krieges unsichtbar macht.

Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die verstehen wollen, wie russische politische Kommunikation konkret funktioniert und welche Argumentationsmuster in Moskau vorherrschen, bietet die Episode Anschauungsmaterial – sie verlangt jedoch eine kritische Distanz, die Köppel selbst kaum mitliefert. Hörwarnung: Die Episode reproduziert zentrale Propagandabegriffe („Stellvertreterkrieg“, „Bruder-Volk“) ohne Einordnung und stellt den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg als reaktives Geschehen dar. Sie sollte nicht als ausgewogene Berichterstattung missverstanden werden.

Sprecher:innen

  • Roger Köppel – Chefredaktor der Weltwoche, berichtet aus Moskau