Die LiegendDemo in Hamburg am 9. Mai 2026 sei eine Form des politischen Protests, die die Realität der Erkrankung in ihrer Form aufnehme: Die Teilnehmenden demonstrierten im Liegen, weil viele von ihnen nicht in der Lage seien, über längere Zeit zu stehen oder zu sitzen. Die Veranstaltung werde größtenteils von selbst betroffenen Personen getragen und organisiert. Das zentrale, immer wiederkehrende Motiv aller Redebeiträge sei der Vorwurf einer strukturellen Gewalt gegen Erkrankte: Ihnen werde systematisch nicht geglaubt, medizinische Expertise und soziale Absicherung würden ihnen vorenthalten. ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom) wird dabei durchgängig als eine schwere, neuroimmunologische Multisystemerkrankung beschrieben, deren Leitsymptom eine krankhafte Zustandsverschlechterung nach Belastung (PEM) sei, die oft zu schwerster Bettlägerigkeit und Pflegebedürftigkeit führe.

Die Dokumentation lebe von der Vielstimmigkeit der Betroffenen, Angehörigen und weniger politischer Verbündeter. Auffällig sei, dass hier nicht über die Erkrankten gesprochen werde, sondern fast ausschließlich Betroffene selbst zu Wort kämen – wenn auch auf unterschiedliche Weise: durch Live-Reden auf der Bühne, durch eingespielte Audio-Aufnahmen von zuhause oder durch das Verlesen der Namen Verstorbener und Zeugnisse von Angehörigen. Moderator:in Chrisi trete dabei nicht als distanzierte Moderationsinstanz auf, sondern als Teil des betroffenen Orga-Teams, was den Anspruch auf reine Selbstvertretung unterstreiche. Die Redebeiträge folgten einer klaren Rhetorik: Auf die Schilderung eines persönlichen, oft drastischen Krankheitsverlaufs folge stets eine politische Anklage der herrschenden Zustände.

Zentrale Punkte

  • Systematische Unterversorgung und Medical Gaslighting Es werde wiederholt beklagt, dass es keine flächendeckende medizinische Versorgung für ME/CFS gebe und dass die Krankheit im Medizinstudium nicht vorkomme. Statt Hilfe erführen Betroffene eine Psychologisierung ihrer Symptome („Medical Gaslighting"), was die Ablehnung von Sozialleistungen und die Durchführung schädlicher, aktivierender Therapien zur Folge habe.
  • Der Verlust von Identität und Existenz Mehrere Sprecher:innen, darunter die ehemalige Zahnärztin Dr. Claudia Kanitz, schilderten den vollständigen sozialen und beruflichen Absturz. Die Erkrankung habe nicht nur die körperliche Funktionsfähigkeit, sondern die gesamte Identität, finanzielle Sicherheit und Familienplanung zerstört. Die fehlende gesellschaftliche Anerkennung dieses Verlusts wird als zusätzliche, vermeidbare Belastung dargestellt.
  • Betroffene Kinder und das Versagen der Institutionen Elternteil Enrike schildere, wie die Schule ihrer Tochter mit einer Kindeswohlgefährdungsmeldung reagiere, anstatt die krankheitsbedingte Schulunfähigkeit zu akzeptieren. Therapie- und Unterstützungsangebote wie das „Kids Mobil" seien wertvoll, aber finanziell nicht gesichert und blieben eine seltene Ausnahme in einem ansonsten von Unverständnis und mangelnden Ressourcen geprägten System.
  • Politische Forderungen und die Untätigkeit des Systems Der Linken-Bürgerschaftsabgeordnete Meyer kritisiere den Hamburger Senat für eine jahrelange „Prozess"-Rhetorik ohne konkrete Verbesserungen für die Betroffenen. Seine Rede mache die Diskrepanz zwischen dem Wissen um die Missstände und dem politischen Willen zu ihrer Behebung deutlich, während die Gruppe der „Missing Doctors" die medizinische Profession direkt zur Selbstaufklärung aufrief.

Einordnung

Die Dokumentation gewährt einen ungefilterten und authentischen Einblick in die Selbstermächtigung einer schwer von Krankheit und gesellschaftlicher Unsichtbarkeit betroffenen Gruppe. Ihre Stärke liegt in der radikalen Subjektivität: Die Sprecher:innen verbinden die politische Forderung nach Forschung, Aufklärung und Versorgung untrennbar mit der körperlichen und biografischen Katastrophe, die die Krankheit auslöst. Dieses „Sprechen vom Körper aus" verleiht der Dokumentation ihre moralische Dringlichkeit und unterscheidet sie von einer rein politischen Debatte. Die Veranstaltung wird so zu einem Ort, an dem kollektives Leid dokumentiert, unsichtbares Sterben öffentlich gemacht und geteilte Erfahrung in politische Energie umgewandelt wird.

Kritisch zu sehen ist, dass die medizinisch-wissenschaftliche Rahmung (etwa die wiederholte Betonung, ME/CFS sei eine „rein körperliche" und keine psychische Erkrankung) zwar im Kampf gegen Stigmatisierung strategisch verständlich ist, jedoch eine binäre Logik von Körper/Psyche verstärkt. Dies könnte der Komplexität der Erkrankung nicht gerecht werden und langfristig eine umfassende, auch psychosoziale Unterstützung erschweren, da die Psyche als schädliches Erklärungsmuster komplett ausgeschlossen wird. Zudem dient die Demo als Echoraum der eigenen Community und bietet wenig Anknüpfungspunkte für ein breiteres Publikum, das mit der Thematik nicht vertraut ist – was zwar die innere Kohärenz stärkt, aber die Gefahr birgt, dass das Anliegen in einer Nische verharrt. Die Rede des Politikers verdeutlicht dieses Problem, da sie über einen reinen Solidaritätsappell kaum hinauskommt und keine konkreten politischen Hebel oder Mechanismen benennt, wie der monierte Stillstand zu durchbrechen sei.

Ein Satz einer Ärztin und Mitbegründerin der Gruppe Missing Doctors and Psychotherapists bringt die ausweglose Gewalt der Situation auf den Punkt: „Für schwerstbetroffene ist es aktuell mitunter einfacher an Sterbehilfe als an eine adäquate ärztliche Versorgung zu kommen."

Hörempfehlung: Dieses Zeitdokument ist unverzichtbar für alle, die verstehen wollen, wie sich strukturelle Ignoranz und das Versagen sozialer Sicherungssysteme für die unmittelbar Betroffenen anfühlen und wie sie sich dagegen wehren.

Sprecher:innen

  • K. Karter – Radiomacher:in und selbst von ME/CFS betroffen, führt in die Sendung ein.
  • Chrisi – Teil des Kernteams der LiegendDemo Hamburg und Moderator:in der Veranstaltung.
  • Dr. Claudia Kanitz – Ehemalige Zahnärztin und Kieferorthopädin, seit 2022 selbst an Post-Covid/ME/CFS erkrankt.
  • Enrike – Betroffene Mutter, schildert die Situation ihrer an ME/CFS erkrankten achtjährigen Tochter.
  • Kerstin Dräger – Synchronsprecherin, spricht solidarisch für eine erkrankte Kollegin und andere Betroffene.
  • Stimmen von Betroffenen – Audio-Einspielungen von Menschen, die zu krank sind, um selbst an der Demo teilzunehmen.
  • Yvonne Franke (vermutlich Thomas Meyer lt. Transkript) – Abgeordneter der Linken in der Hamburger Bürgerschaft.
  • Mia – Ärztin, Oberärztin a.D., an ME/CFS erkrankt und Mitbegründerin von „Missing Doctors and Psychotherapists".