Der Cicero-Podcast „Deutschland hat den Verstand verloren“ lädt den Physiker und Comedian Vince Ebert zu einer rund 54-minütigen Streitschrift gegen eine vermeintlich vorherrschende „Links-Grüne Ideologie“ ein. Moderator Karsten Korfmacher, Leiter des Cicero-Resorts „Kapital“, begleitet das Gespräch mit wenig Nachfragen und viel Zustimmung.
1. Die „aufklärerischen Werte“ würden systematisch zerstört
Ebert behauptet, Deutschland befinde sich in einem „Rückfall in voraufklärerische Zeiten“. Als Belege nennt er die angebliche Verleugnung „biologischer Tatsachen wie zwei verschiedene Geschlechter“ an Universitäten sowie die Tabuisierung sachlicher Migrationsdebatten. „Wer das anders möchte, sorry, dann ist Deutschland hier nicht deine Heimat.“
2. Eine „ideologisierte Minderheit“ beherrsche Politik, Medien und Kultur
Ebert sieht 80 % der Bevölkerung als „vernünftig“, werde aber von einer lauten Minderheit an den Rand gedrängt. Diese Minderheit bestehe aus „naiven Linken und Grünen“, die „die Deutungshoheit übernommen“ hätten. Auch die FDP wirft er vor, „pseudoliberale“ Gesetze wie das Selbstbestimmungsgesetz durchgedrückt zu haben.
3. „Wissenschaft als Trojanisches Pferd“ unterwandere Verwaltung und Wirtschaft
Ebert warnt, Studierende „politischer Aktivismus-Disziplinen“ würden nach dem Uni-Abschluss als Diversitäts- oder Gleichstellungsbeauftragte in Unternehmen und Behörden einsickern und dort „nicht evidenzbasiert“ arbeiten. „Diese Leute betreiben keine evidenzbasierte Rangehensweise, sondern sind getrieben von dieser Idee, die Gesellschaft umzubauen.“
4. „Cancel Culture“ und „Einschüchterungskultur“ verhinderten freie Debatten
In der Kulturszene werde mittlerweile nur noch Kabarett geduldet, „bei dem die richtigen Leute lachen“. Junge Künstler:innen fürchteten um ihre Existenz, wenn sie konservative oder liberale Positionen äußerten. „Die Kulturszene sagt: Das ist Hass und Hetze, wenn es die Leute trifft, die wir selber gut finden.“
5. Politiker:innen stimmen laut Ebert „gegen ihr Gewissen“ ab
Nach eigenen Angaben hätten ihm mehrere Abgeordnete nach der Lektüre seines vorherigen Buches zugestimmt, „aber zwei, drei Wochen später im Bundestag genau entgegen ihrem Gewissen abgestimmt“. Das sei kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines „vollkommen falschen Anreizsystems“.
6. Argentinien als „Blaupause“ für Deutschland
Ebert preist den argentinischen Präsidenten Milei als Vorbild: „Ich gebe den Bürgern die Macht wieder. Ich haue die Hälfte aller Ministerien weg.“ Die dortige Politik der Entbürokratisierung und Steuersenkungen halte er für übertragbar auf Deutschland.
Einordnung
Das Format wirkt wie ein eintöniges Echo: Der Moderator stellt offene Fragen, bestätigt aber fast jede These Ebert. Kritische Gegenstimmen fehlen vollständig; weder Expert:innen noch Betroffene kommen zu Wort. Ebert bedient sich dabei eines Musters, das „Linke“ und „Grüne“ pauschal als irrationale Gefahr brandmarkt, während konservative oder rechte Positionen als vernünftige Mitte erscheinen. Die Rede vom „Kalifat“, von „Zwangsverschleierung“ und der Forderung, Menschen den Aufenthaltsstatus abzuerkennen, nährt rechtspopulistische Deutungsmuster. Die Behauptung, 80 % der Bevölkerung teile seine Ansichten, bleibt unbelegt; Umfragedaten oder empirische Studien werden nicht zitiert. Die Darstellung von Milei als „nicht rechts“ ignoriert dessen radikale Marktradikalität und autoritäre Züge. Insgesamt liefert der Podcast keine journalistische Auseinandersetzung, sondern eine einseitige Plattform für kulturkonservative Kritik.
Hörwarnung: Wer eine differenzierte Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Debatten sucht, wird hier nicht fündig – die Folge dient primär der Bestätigung einer bestimmten Weltsicht.