Das Gespräch dreht sich um das ARD Radio Feature „Kampf der Geheimhaltung", das die Geschichte von WikiLeaks und Julian Assange aufarbeitet. Gastgeberin Palina Milling spricht mit den Autor:innen Lea Eichhorn und John Goetz. Im Zentrum steht weniger die Chronologie der Ereignisse, sondern vielmehr die Frage, was von WikiLeaks geblieben ist und welche Folgen die Verfolgung Assanges für die Pressefreiheit hat. Die Diskussion wird von zwei grundlegenden Perspektiven getragen: der persönlichen Verbindung von John Goetz zu Assange und der analytischen Einordnung der strukturellen Veränderungen im Journalismus durch Lea Eichhorn. Dabei wird die Prämisse gesetzt, dass radikale Transparenz ein grundsätzlich erstrebenswertes, in der Umsetzung aber riskantes Prinzip sei – und dass der Fall Assange einen Wendepunkt markiere, an dem staatliche Macht erfolgreich ein abschreckendes Beispiel statuiert habe.

Zentrale Punkte

  • Methode der Kollaboration Der nachhaltigste Einfluss von WikiLeaks liege nicht in der Plattform selbst, sondern in der Arbeitsweise: Große Medienhäuser hätten gelernt, bei umfangreichen Datenlecks international zusammenzuarbeiten und Ressourcen zu teilen, anstatt als Konkurrenten zu agieren.
  • Das Scheitern der Person Obwohl WikiLeaks den Journalismus methodisch revolutioniert habe, sei Julian Assange persönlich gescheitert. Sein Kampf für Transparenz habe ihn nicht nur physisch gezeichnet, sondern auch zu einem juristischen Schuldeingeständnis gezwungen, das faktisch journalistische Tätigkeiten kriminalisiere.
  • Preis der radikalen Transparenz Die Diskussion um die ungefilterte Veröffentlichung von Originaldokumenten zeige einen zentralen Konflikt: Das Bedürfnis von Quellen nach vollständiger Transparenz kollidiere mit der journalistischen Pflicht zur Einordnung, Verifikation und dem Schutz von Individuen vor Gefährdung.

Einordnung

Das Gespräch lebt von einer dichten Verknüpfung persönlicher Erfahrung und struktureller Analyse – eine Stärke, die das Feature von vielen rein politischen Verhandlungen des Themas abhebt. John Goetz schildert eindrücklich die menschlichen Kosten der Verfolgung, etwa wenn er beschreibt, wie Assange in der Botschaft die „frische Luft" geradezu genoss, und macht so die Härte des Isolationszustands greifbar. Lea Eichhorn wiederum ordnet die methodische Revolution nüchtern ein: Die kollaborative Praxis großer Recherchen wie der Panama Papers sei direkt auf WikiLeaks zurückzuführen.

Allerdings bleibt die Diskussion in einer merkwürdigen Spannung zur oft beschworenen Pressefreiheit. Der Nexus zwischen dem radikalen Transparenzanspruch und der Notwendigkeit journalistischer Filter (Stichwort „Harm Reduction") wird zwar als Konflikt benannt, aber nicht konsequent zu Ende gedacht. John Goetz wehrt sich gegen den Vorwurf ungefilterter Veröffentlichungen und verweist auf WikiLeaks‘ Schadensminimierung – doch die Frage, ab wann das Zurückhalten von Informationen zu einer politischen Kompromittierung der eigenen Haltung wird, bleibt unbeantwortet. Auch die wiederholte Problematisierung der USA als Akteur, der Assange verfolgt, blendet aus, dass andere Staaten ähnliche Interessen an Geheimhaltung haben, ohne dass diese im Gespräch benannt werden. Das macht die Diskussion stellenweise etwas einseitig, auch wenn sie journalistisch hochwertig geführt wird.

Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die den Fall Assange in seiner ganzen vielschichtigen Tragik verstehen wollen und sich für die ethischen Grundfragen des digitalen Investigativjournalismus interessieren.

Sprecher:innen

  • Palina Milling – Gastgeberin, führt durch das Gespräch
  • Lea Eichhorn – Journalistin, Co-Autorin des ARD Radio Features
  • John Goetz – Investigativjournalist, ehemaliger WikiLeaks-Partner