Der Podcast „Das Politikteil“ widmet sich den Folgen des amerikanisch-israelischen Angriffs auf den Iran. Zu Gast ist der Islamwissenschaftler und Nahostexperte Guido Steinberg. Im Gespräch mit Tina Hildebrandt und Heinrich Wefing analysiert er die neue Machtordnung in Teheran und die strategische Niederlage der USA. Die Diskussion wird von der unhinterfragten Prämisse getragen, dass ein nuklear aufgerüsteter Iran eine existenzielle Bedrohung für den Westen darstelle und dass militärische Stärke sowie Grenzsicherung die einzig realistischen Antworten Europas sein könnten.
Zentrale Punkte
- Dominanz der Revolutionsgarden im Iran Nach dem Tod Khameneis liege die Macht nicht mehr bei den Klerikern, sondern bei einem Kollektiv aus Revolutionsgarden-Generälen. Das Regime wandele sich von einer klerikalen Herrschaft zu einer Militärdiktatur, wobei die Garden aufgrund jahrzehntelanger Vorbereitung und brutalem Durchsetzungswillen ihre Position wohl nicht mehr abgeben würden.
- Strategischer Sieg Irans durch die Straße von Hormus Trotz enormer militärischer Verluste habe der Iran den Krieg strategisch gewonnen, weil die USA auf die Blockade der Straße von Hormus keine Antwort hätten. Der Iran könne seine zerstörte Infrastruktur wieder aufbauen, während die USA in Islamabad vorgeführt würden – ein politischer Misserfolg, der das Ende der amerikanischen Hegemonie in der Region endgültig besiegeln könnte.
- Sicherheitspolitische Folgen für Deutschland Ein gestärkter Iran könne bald Atombomben besitzen und mit ballistischen Raketen Westeuropa angreifen. Deutsche Interessen verlangten daher eine massive militärische Aufrüstung, Technologiefokus auf Drohnen und Raketen sowie schärfere Grenzkontrollen. Der eigene Einfluss in der Region sei minimal, man müsse sich auf die verbleibenden Partner wie Saudi-Arabien und Israel stützen.
Einordnung
Die Stärke der Episode liegt in Steinbergs Fähigkeit, komplexe Machtverschiebungen innerhalb der iranischen Führung detailliert darzustellen. Er liefert eine kohärente und strategisch dichte Analyse, die die langfristigen Verschiebungen im Nahen Osten greifbar macht.
Die Analyse verbleibt jedoch vollständig in einer geo- und sicherheitspolitischen Logik. „Unsere Interessen“ werden ausschließlich als Eindämmung einer militärischen Bedrohung durch den Iran definiert. Durch diese Verengung erscheint Aufrüstung als alternativlos, während diplomatische Wege, die über die militärische Schwächung des Gegners hinausgehen, nicht erwähnt werden. Die iranische Bevölkerung kommt lediglich als passive oder als vom Regime gekaufte Basis vor. Dass der verheerende Angriffskrieg selbst ein völkerrechtliches Problem darstellt, bleibt völlig unthematisiert. So zeigt das Gespräch beispielhaft, wie ein sicherheitspolitisches Denken jede andere außenpolitische Überlegung überlagert und als selbstverständlich setzt. Steinberg illustriert diese Perspektive, wenn er sagt: „Wenn unsere Politik gut beraten ist, stellt sie sich darauf ein, dass eben der Iran gar nicht so weit von uns entfernt ist.“ Hier zeigt sich die Betrachtung des Iran fast ausschließlich als Bedrohungsszenario.
Hörempfehlung: Wer eine detaillierte und kenntnisreiche Analyse der neuen Machtverhältnisse im Iran und der strategischen Verschiebungen im Nahen Osten sucht, findet hier eine dichte, wenngleich sicherheitspolitisch verengte Experteneinordnung.
Sprecher:innen
- Tina Hildebrandt – Co-Moderatorin von „Das Politikteil“
- Heinrich Wefing – Co-Moderator von „Das Politikteil“
- Guido Steinberg – Islamwissenschaftler und Nahostexperte, Stiftung Wissenschaft und Politik