In dieser Ausgabe seiner Materialsammlung unternimmt Tom Strohschneider eine umfassende Kartierung der intellektuellen Grabenkämpfe rund um den Faschismusbegriff. Ausgangspunkt ist Jan Philipp Reemtsma, dessen skeptische Infragestellung des Begriffs eine Kaskade an Reaktionen auslöste. Strohschneider dokumentiert akribisch, wie Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey Reemtsmas Position entgegentreten. Sie kritisieren dessen Ansatz nicht nur als „Entdramatisierung“ realer Bedrohungen, sondern entdecken in ihm auch eine „kleine Bombe“: den radikalen Gedanken, dass sich die Welt so fundamental verändert hat, dass unsere überkommenen Kategorien nicht mehr ausreichen, um sie zu fassen. Zentral wird hier eine planetare Perspektive, die materielle Neuverteilung als Antwort auf kapitalistische Entbettung um eine ökologische Wiedereinbettung erweitert.

Der Kern der Debatte kreist um die Frage nach dem Verhältnis von Analyse und politischer Handlungsfähigkeit – um Brechts Diktum, dass Begriffe die „Griffe“ sein sollen, die Welt zu bewegen. Strohschneider verwebt die Positionen von Amlinger und Nachtwey mit deren Podcast-Diskussion mit Rahel Jaeggi und Robin Celikates, die einen noch stärkeren Fokus auf den Konnex zwischen sozialpsychologischer Verrohung und gesellschaftlicher Struktur legen. Ein Schlüsselmotiv ist hier das von Amlinger und Nachtwey geprägte „Nullsummendenken“, das Gefühl, dass die Verluste der eigenen Gruppe direkte Gewinne einer anderen seien. In Zeiten nachlassenden Wachstums und planetarer Grenzen radikalisiert sich dieses Denken zu einer regelrechten „Zerstörungslust“, wie der Titel ihres Buches lautet.

Der Text breitet eine Vielzahl weiterer kritischer Stimmen aus. So kritisiert Raul Zelik den von Amlinger und Nachtwey verwendeten Begriff des „demokratischen Faschismus“ als verkürzend, da er die Rolle der Machteliten und die Funktion des Rassismus als Ausdruck globaler Ressourcenkonkurrenz ausblende. Patrick Eiden-Offe wiederum plädiert für den prozessualen Begriff der „Faschisierung“, der eine weniger monolithische Betrachtung erlaube. Benjamin Opratko denkt Faschismus als „Abfallprodukt der liberalen Ordnung“ und fordert eine ehrliche Strategiedebatte, die auch das „vorläufige Scheitern“ einkalkulieren müsse. Eva von Redecker steuert das Konzept des „Phantombesitzes“ bei: die erbitterte Verteidigung längst brüchiger oder fiktiver Privilegien und Herrschaftsansprüche. Sehr prominent stellt Strohschneider zum Abschluss Mark Terkessidis’ These dar, Faschismus beginne mit einer „Gewalt am Denken“ – einem Verlust von Sinn und Begriff, der in der Mitte der Gesellschaft und sogar im linken Spektrum selbst zu finden sei und den Weg für radikale, differenzfeindliche Lösungen ebne.

Einordnung

Der Text ist eine beeindruckende, aber auch voraussetzungsvolle Synopse eines sehr spezifischen Theoriediskurses. Die Stärke liegt in der dichten, unaufgeregten Gegenüberstellung der Positionen. Strohschneider moderiert das Streitgespräch, ohne sich selbst explizit als Schiedsrichter aufzuspielen. Die implizite Agenda ist jedoch klar: Es geht um die Selbstvergewisserung einer intellektuellen Linken, die nach tragfähigen Strategien sucht und dabei auch vor radikaler Selbstkritik – wie bei Terkessidis oder von Redecker – nicht zurückschreckt. Die dominanten Stimmen entstammen einem akademisch-publizistischen Milieu, was dem Diskurs eine enorme Tiefenschärfe verleiht, aber Stimmen aus der Praxis, von sozialen Bewegungen oder Betroffenen rechter Gewalt nahezu völlig ausblendet.

Die gefährlichste implizite Annahme des Textes ist die potenziell resignative Grundierung, die in der Wiederholung der planetaren Grenzen mitschwingt: Wenn selbst das linke „Normaleinkommen“ auf Kosten des globalen Südens lebt, gleitet die Analyse in eine Art moralischen Paralyse-Diskurs ab. Die Trennung zwischen Analyse und politischem Handeln wird unentwegt problematisiert, aber nie wirklich aufgelöst. Für hochgradig politisch und theoretisch versierte Leser:innen, die die komplexen Verästelungen der linken Faschismusdebatte aus nächster Nähe verfolgen wollen, ist diese Sammlung ein fast unverzichtbares Kompendium. Allen anderen wird diese geschlossene intellektuelle Kampfzone als kaum zugängliche Nabelschau erscheinen.