Dieser Podcast verhandelt das weit verbreitete Gefühl der Ohnmacht angesichts bevorstehender Landtagswahlen und hoher Zustimmungswerte für die rechtsextreme AfD. Die Moderatorinnen setzen dabei die Prämisse, dass Ohnmacht nicht nur ein individuelles Problem, sondern ein politisch wirksames gesellschaftliches Phänomen sei. Im Gespräch mit Engagierten und einem Soziologen wird die These entfaltet, dass dieses Gefühl von der extremen Rechten gezielt aufgegriffen und in autoritäre Ermächtigung umgewandelt werde. Dagegen stellen die Gastgeberinnen die Idee einer „paradoxen Zuversicht": Die konkrete kollektive Praxis, das Verteidigen von Freiräumen und das gemeinsame Handeln werden als zentraler Weg dargestellt, um der Lähmung zu begegnen und demokratische Strukturen zu festigen. Demokratie erscheint dabei weniger als Zustand, sondern vor allem als täglich neu zu leistende Arbeit.

Zentrale Punkte

  • Ohnmacht als politische Gefahr Ohnmacht sei kein rein privates Gefühl, sondern werde gesellschaftlich erzeugt. Der Soziologe Matthias Quent lege dar, dass ein ohnmächtiges Empfinden Menschen anfällig für autoritäre Angebote mache. Die extreme Rechte instrumentalisiere dieses Gefühl gezielt, indem sie es mit Narrativen von Kontrollverlust und versprochener Stärke auflade.
  • Der instrumentalisierte Osten Die AfD nutze gezielt DDR- und Wende-Narrative, um aus historisch begründeten Ohnmachtsgefühlen im Osten eine autoritäre Ermächtigung zu formen. Mit Parolen wie „Wende 2.0“ werde an ein früheres Empowerment-Moment angeknüpft, jedoch in ein völkisch-nationales Weltbild umgelenkt. Diese Strategie falle auf fruchtbaren Boden, weil reale Benachteiligungen und Abwertungserfahrungen nie kollektiv aufgearbeitet worden seien.
  • Verteidigte demokratische Räume Engagierte in Orten wie Gräfenhainichen, Halle und Halberstadt hätten über Jahrzehnte hinweg demokratische Kerne aufgebaut und gegen massive Anfeindungen wie Buttersäureangriffe oder Neonazi-Aufmärsche verteidigt. Diese soziokulturellen Zentren seien nicht nur Schutzräume, sondern wirkten als dauerhafte Gegenmacht, die verhindere, dass ganze Orte nach rechts kippten. Solidaritätserfahrungen in der Bevölkerung stärkten diese Orte zusätzlich.
  • Selbstwirksamkeit durch gemeinsames Handeln Handeln sei der Schlüssel gegen Ohnmacht. Matthias Quent betone, dass Selbstwirksamkeit nicht durch individuelles Warten entstehe, sondern durch praktische Tätigkeit und ehrlichen Austausch in Gemeinschaft. Die Fähigkeit, öffentlich und konstruktiv Konflikte einzugehen – wie im Fall Arne Semsrotts abgesagter Lesung in Magdeburg –, erweise sich dabei als entscheidende demokratische Praxis und Quelle neuer Solidarität.

Einordnung

Die Episode zeichnet sich durch eine gelungene Verbindung struktureller Analyse und gelebter Praxis aus und schafft damit ein Gegengewicht zur oft abstrakten politischen Debatte. Sie leistet einen wertvollen Beitrag, indem sie den Fokus konsequent auf die Akteur:innen vor Ort richtet, die über eine langjährige, oft übersehene demokratische Expertise verfügen. Die Rückbindung des aktuellen Ohnmachtsgefühls an Erich Fromms Analysen aus den 1930er Jahren verleiht dem Thema Tiefe und entreißt es einer rein tagespolitischen Betrachtung. Die geschilderten Strategien – von der Schaffung autonomer Räume bis zur solidarischen Aktion – sind konkret und praktisch anwendbar. In der Sprache der Episode wird die Auseinandersetzung als tägliche, manchmal mühsame Arbeit charakterisiert, was ein realistisches Bild von demokratischem Engagement zeichnet und pathetische Überhöhungen vermeidet.

Die Verbindung zwischen psychischer Gesundheit, Resilienz und Demokratie, die mit Verweis auf Pia Lamberty hergestellt wird, bleibt an manchen Stellen vage. Der Begriff der Resilienz changiert zwischen individueller und sozialer Widerstandskraft, ohne dass dieser Unterschied klar herausgearbeitet wird; die naheliegende, auch im Podcast kurz aufblitzende Kritik, dass ein zu starker Fokus auf die individuelle Psyche strukturelle Probleme verdecken kann, wird zwar benannt, aber nicht konsequent vertieft. Zudem setzt die starke Betonung von „Selbstwirksamkeit durch Handeln" stillschweigend ein gewisses Maß an Ressourcen voraus – ein Punkt, den die zitierte Studie ja selbst belegt. Das damit verbundene „Demokratieparadox" wird benannt, aber in seinen lähmenden Konsequenzen für jene, die sich trotz Unterprivilegierung engagieren wollen, kaum ausgeleuchtet. Während die Episode überzeugend zeigt, dass die extreme Rechte Ohnmachtsgefühle instrumentalisiert, bleibt die Frage, wie diese autoritären Machtangebote jenseits des Gefühlsmanagements politisch zu bekämpfen sind, ein wenig im Hintergrund. „Ich habe so wirklich mixed feelings", sagt eine Moderatorin mit Blick auf mögliche AfD-Regierungsbeteiligungen – ein Zitat, das symptomatisch für den insgesamt komplexen, aber nicht immer vollständig durchdeklinierten Gefühls- und Analyserahmen der Folge steht.

Hörempfehlung: Eine wichtige Folge für alle, die sich angesichts politischer Krisen ohnmächtig fühlen und nach konkreten Beispielen suchen, wie demokratisches Engagement vor Ort gelingen und stärken kann.

Sprecher:innen

  • Katharina Wader – Moderatorin, Podcast Kipppunkt Ost
  • Juli Katz – Moderatorin, Podcast Kipppunkt Ost
  • Heike Kleffner – Moderatorin, Podcast Kipppunkt Ost
  • Matthias Quent – Soziologe, forscht zu Radikalisierung und Demokratie
  • Renate Bauer – Aktivistin, offen.bunt.anders in Gräfenhainichen
  • Razan al Assmy – Aktivistin und interkulturelle Beraterin in Halle
  • Robert Fietzke – Leiter des Soziokulturellen Zentrums ZORA e.V. in Halberstadt
  • Arne Semsrott – Journalist, Autor von „Gegenmacht: Die Zivilgesellschaft schlägt zurück"